Hörspiel Pool - Bayern 2

Hörspiel Pool - Bayern 2

Germany

Jede Zeit ist Hörspielzeit. Der Hörspiel Pool bietet Produktionen des Bayerischen Rundfunks zum Herunterladen.

Episodes

Peter Weiss: Abschied von den Eltern (3/4) - 23.06.2017  

Mit Robert Stadlober / Komposition: The Notwist / Regie: Karl Bruckmaier / BR 2013 // Der Tod der Eltern wird für den Erzähler in Peter Weiss' autobiografischer Prosa Auslöser zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. "Abschied von den Eltern", erstmals 1961 erschienen, handelt von dem Zauber und den Abgründen der Kindheit, von den schmerzhaften Prozessen des Wachsens, der unausweichlichen Loslösung von Vater und Mutter, der Suche nach einem eigenen Leben. Sprunghaft und dennoch kunstvoll gewebt, mit einer gleichermaßen soghaften wie präzisen Sprache breitet Weiss ein Netz aus Momentaufnahmen aus und entwirft eine Ausdeutung seiner Vergangenheit, die in seine Entwicklung zum Künstler mündet. Der Erzähler berichtet von der frühen Kindheit und den ersten prägenden Eindrücken seiner Heimatstadt, schildert die sublimen Machtspiele unter Kindern und seine ersten sexuellen Erfahrungen. Er berichtet von Friederle, dem Nachbarsjungen, der ihn beständig drangsaliert und darüber, wie ausgeschlossen er sich nicht nur gegenüber Gleichaltrigen, sondern auch innerhalb seiner Familie fühlt. Die Beziehungslosigkeit der autoritären Eltern und ihre unantastbare Dominanz erzeugen für ihn den Eindruck als Fremder unter Fremden zu leben und den Wunsch nach Wärme und Zugehörigkeit. Als die geliebte Schwester Margit stirbt, beginnt für ihn die allmähliche Auflösung seiner Familie, die begleitet wird durch die lange Flucht vor den Nationalsozialisten ins schwedische Exil über London und Prag. Schließlich führt die Möglichkeit, eigene Ausdrucksformen in Malerei und Literatur zu finden, zu freiheitlicher Selbstbestimmung und innerer Unabhängigkeit. Eine Entwicklung, der seine Eltern durch eine Lehre im Warenhaus vergeblich versuchen, entgegen zu wirken. „Und die Unruhe, die jetzt begonnen hatte, ließ sich nicht mehr eindämmen, nach Wochen und Monaten langsamer innerer Veränderungen, nach Rückfällen in Schwäche und Mutlosigkeit, nahm ich Abschied von den Eltern.“ Abschied von den Eltern erscheint als erster Teil einer autobiografischen Künstlerprosa, die in Fluchtpunkt (1962) ihre Fortsetzung findet. Obwohl Peter Weiss immer sehr nah an seinen persönlichen Erfahrungen bleibt, bekommen seine Schilderungen etwas entwicklungspsychologisch Allgemeingültiges. Gleichzeitig schafft er durch die differenzierte Beschreibung des Einflusses von Familie auf das Individuum auch eine kritische Betrachtung des konservativen Bürgertums Mitte des 20. Jahrhunderts, wodurch seine Erzählung zu einem wichtigen Werk für die Jugendprotestbewegung von 1968 wurde. Die Stimmung der Audiofassung der Erzählung wird auch durch den Sound der Independent Band „The Notwist“ zur Geltung gebracht. Grundlage für die musikalischen Intermezzi sind acht Collagen, die Peter Weiss 1962 zu Abschied von den Eltern angefertigt hat, um die Geschichte mit anderen Mitteln noch einmal zu erzählen.

Peter Weiss: Abschied von den Eltern (2/4) - 16.06.2017  

Mit Robert Stadlober / Komposition: The Notwist / Regie: Karl Bruckmaier / BR 2013 // Der Tod der Eltern wird für den Erzähler in Peter Weiss' autobiografischer Prosa Auslöser zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. "Abschied von den Eltern", erstmals 1961 erschienen, handelt von dem Zauber und den Abgründen der Kindheit, von den schmerzhaften Prozessen des Wachsens, der unausweichlichen Loslösung von Vater und Mutter, der Suche nach einem eigenen Leben. Sprunghaft und dennoch kunstvoll gewebt, mit einer gleichermaßen soghaften wie präzisen Sprache breitet Weiss ein Netz aus Momentaufnahmen aus und entwirft eine Ausdeutung seiner Vergangenheit, die in seine Entwicklung zum Künstler mündet. Der Erzähler berichtet von der frühen Kindheit und den ersten prägenden Eindrücken seiner Heimatstadt, schildert die sublimen Machtspiele unter Kindern und seine ersten sexuellen Erfahrungen. Er berichtet von Friederle, dem Nachbarsjungen, der ihn beständig drangsaliert und darüber, wie ausgeschlossen er sich nicht nur gegenüber Gleichaltrigen, sondern auch innerhalb seiner Familie fühlt. Die Beziehungslosigkeit der autoritären Eltern und ihre unantastbare Dominanz erzeugen für ihn den Eindruck als Fremder unter Fremden zu leben und den Wunsch nach Wärme und Zugehörigkeit. Als die geliebte Schwester Margit stirbt, beginnt für ihn die allmähliche Auflösung seiner Familie, die begleitet wird durch die lange Flucht vor den Nationalsozialisten ins schwedische Exil über London und Prag. Schließlich führt die Möglichkeit, eigene Ausdrucksformen in Malerei und Literatur zu finden, zu freiheitlicher Selbstbestimmung und innerer Unabhängigkeit. Eine Entwicklung, der seine Eltern durch eine Lehre im Warenhaus vergeblich versuchen, entgegen zu wirken. „Und die Unruhe, die jetzt begonnen hatte, ließ sich nicht mehr eindämmen, nach Wochen und Monaten langsamer innerer Veränderungen, nach Rückfällen in Schwäche und Mutlosigkeit, nahm ich Abschied von den Eltern.“ Abschied von den Eltern erscheint als erster Teil einer autobiografischen Künstlerprosa, die in Fluchtpunkt (1962) ihre Fortsetzung findet. Obwohl Peter Weiss immer sehr nah an seinen persönlichen Erfahrungen bleibt, bekommen seine Schilderungen etwas entwicklungspsychologisch Allgemeingültiges. Gleichzeitig schafft er durch die differenzierte Beschreibung des Einflusses von Familie auf das Individuum auch eine kritische Betrachtung des konservativen Bürgertums Mitte des 20. Jahrhunderts, wodurch seine Erzählung zu einem wichtigen Werk für die Jugendprotestbewegung von 1968 wurde. Die Stimmung der Audiofassung der Erzählung wird auch durch den Sound der Independent Band „The Notwist“ zur Geltung gebracht. Grundlage für die musikalischen Intermezzi sind acht Collagen, die Peter Weiss 1962 zu Abschied von den Eltern angefertigt hat, um die Geschichte mit anderen Mitteln noch einmal zu erzählen.

Leonora Carrington/Ulrike Haage: Alle Vögel fliegen hoch, alle Schafe fliegen hoch, alle Engel fliegen hoch - 11.06.2017  

Mit Bernhard Schütz, Antje Greie, Ken Yamamoto / Komposition und Realisation: Ulrike Haage / BR 2012 / Länge: 52'38 // In ihrer Erzählung Die Debütantin schickt die Surrealistin Leonora Carrington eine Hyäne auf einen Ball. Als einzige Tochter in einer wohlhabenden englischen Industriellenfamilie wie im goldenen Käfig aufgewachsen („Meine Mutter sah ich am Tag nur ein einziges Mal: wenn ich von meiner Gouvernante zum Tee geführt wurde“), mutet bereits Carringtons Kindheit und Jugend wie eine Gartenparty mit Hyänen an: Sie vertreibt sich die Langeweile mit Märchen, Gespenster- und Horrorgeschichten und den Erzählungen von Lewis Carroll. Schon als Kind beginnt sie selbst zu malen und zu erfinden. Nachdem sie von ihren Eltern am englischen Hof vorgestellt wurde, beschließt sie: „Ihr habt euren Spaß gehabt, jetzt werde ich den meinen besorgen“ und beginnt in London Kunst zu studieren. Durch ihre dreijährige, intensive Liebesbeziehung mit dem erheblich älteren Max Ernst kommt sie in Kontakt mit den Surrealisten im Paris der 30er Jahre. Auf der großen Surrealisten Ausstellung von 1938 ist sie 21jährig mit eigenen Werken vertreten. Bei Ausbruch des zweiten Weltkriegs wird sie von Max Ernst getrennt, was bei ihr vorübergehend eine Angstpsychose auslöst, die sie literarisch verarbeitet. Sie geht nach Mexiko, wo sie bis auf wenige Jahre, die sie in New York verbringt, bis zu ihrem Tod 2011 lebt und Gemälde und Skulpturen erschafft, die oft mystische Motive, Tier-Menschgestalten, Fabelwesen, manchmal auch Engel aufweisen. Neben ihrem großen bildnerischen Werk, hinterließ Leonora Carrington auch zahlreiche Erzählungen, Romane, Theaterstücke. Die Komponistin Ulrike Haage verwebt zwei Erzählungen Der Unscheinbare und Wie man ein Unternehmen gründet mit Motiven aus der Debütantin, englischen Abzählreimen und nonsens-Gedichten von Edward Lear, einem Zeitgenossen von Lewis Carroll, in ein Hörstück. Ein soundtrack, der Carringtons Welt akustisch wieder erstehen lässt, ein Soundtrack, in dem sich Harmonien und exzessive Atonalität ganz selbstverständlich durchdringen. Rhythmischer Sprech-Gesang, zarte Melodien, vorbeitrudelnde Akkorde, Elektronik, verwandeln die überbordenden short stories in lange songs und treiben die seltsamen Begebenheiten eines magischen Maskenballs und eines utopischen Picknicks vor sich her.

Peter Weiss: Abschied von den Eltern (1/4) - 09.06.2017  

Mit Robert Stadlober / Komposition: The Notwist / Regie: Karl Bruckmaier / BR 2013 // Der Tod der Eltern wird für den Erzähler in Peter Weiss' autobiografischer Prosa Auslöser zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. "Abschied von den Eltern", erstmals 1961 erschienen, handelt von dem Zauber und den Abgründen der Kindheit, von den schmerzhaften Prozessen des Wachsens, der unausweichlichen Loslösung von Vater und Mutter, der Suche nach einem eigenen Leben. Sprunghaft und dennoch kunstvoll gewebt, mit einer gleichermaßen soghaften wie präzisen Sprache breitet Weiss ein Netz aus Momentaufnahmen aus und entwirft eine Ausdeutung seiner Vergangenheit, die in seine Entwicklung zum Künstler mündet. Der Erzähler berichtet von der frühen Kindheit und den ersten prägenden Eindrücken seiner Heimatstadt, schildert die sublimen Machtspiele unter Kindern und seine ersten sexuellen Erfahrungen. Er berichtet von Friederle, dem Nachbarsjungen, der ihn beständig drangsaliert und darüber, wie ausgeschlossen er sich nicht nur gegenüber Gleichaltrigen, sondern auch innerhalb seiner Familie fühlt. Die Beziehungslosigkeit der autoritären Eltern und ihre unantastbare Dominanz erzeugen für ihn den Eindruck als Fremder unter Fremden zu leben und den Wunsch nach Wärme und Zugehörigkeit. Als die geliebte Schwester Margit stirbt, beginnt für ihn die allmähliche Auflösung seiner Familie, die begleitet wird durch die lange Flucht vor den Nationalsozialisten ins schwedische Exil über London und Prag. Schließlich führt die Möglichkeit, eigene Ausdrucksformen in Malerei und Literatur zu finden, zu freiheitlicher Selbstbestimmung und innerer Unabhängigkeit. Eine Entwicklung, der seine Eltern durch eine Lehre im Warenhaus vergeblich versuchen, entgegen zu wirken. „Und die Unruhe, die jetzt begonnen hatte, ließ sich nicht mehr eindämmen, nach Wochen und Monaten langsamer innerer Veränderungen, nach Rückfällen in Schwäche und Mutlosigkeit, nahm ich Abschied von den Eltern.“ Abschied von den Eltern erscheint als erster Teil einer autobiografischen Künstlerprosa, die in Fluchtpunkt (1962) ihre Fortsetzung findet. Obwohl Peter Weiss immer sehr nah an seinen persönlichen Erfahrungen bleibt, bekommen seine Schilderungen etwas entwicklungspsychologisch Allgemeingültiges. Gleichzeitig schafft er durch die differenzierte Beschreibung des Einflusses von Familie auf das Individuum auch eine kritische Betrachtung des konservativen Bürgertums Mitte des 20. Jahrhunderts, wodurch seine Erzählung zu einem wichtigen Werk für die Jugendprotestbewegung von 1968 wurde. Die Stimmung der Audiofassung der Erzählung wird auch durch den Sound der Independent Band „The Notwist“ zur Geltung gebracht. Grundlage für die musikalischen Intermezzi sind acht Collagen, die Peter Weiss 1962 zu Abschied von den Eltern angefertigt hat, um die Geschichte mit anderen Mitteln noch einmal zu erzählen.

Ernst Kreuder: Die Gesellschaft vom Dachboden - 02.06.2017  

Mit Manfred Zapatka, Thomas Thieme, Bernhard Schütz, Stefan Wilkening, Michael Habeck, Tanja Schleiff / Komposition und Regie: Klaus Buhlert / BR 2003 / Länge: 81'25 // Auf dem Dachboden eines deutschen Kleinstadthauses beginnt ein Verschwörermärchen: Sechs höchst eigenwillige Männer haben es satt, ihr Leben trübsinnig-rechtschaffen und in ordentlicher kleinbürgerlicher Manier zu vergeuden. Unter dem Motto "jeder sein eigener Phantast" gründen sie als vehemente Absage an die moderne Industriegesellschaft zwischen abgestellten Kisten, ausrangierten Körben und Vogelkäfigen eine Gegenwelt: den Geheimbund wider die Dummheit. Der Dachboden wird von Geschäftemachern ‚besetzt‘, die Geheimbündler heben einen Schatz, werden verstreut und finden sich am Ende auf der ‚Alten Liebe‘, einem ausgemusterten Fluss-Dampfer, wieder. Sie haben gelobt, in einer Welt der ruhelos Tüchtigen als ‚Verborgene‘ zu überleben – getreu ihren 7 Programmpunkten: Aufrichtigkeit, Anhänglichkeit, Beharrlichkeit, Barmherzigkeit, Überschwenglichkeit, Friedfertigkeit und Wandelbarkeit. ‚Die Gesellschaft vom Dachboden‘ wurde 1946 von der Kritik als „Zaubergarten skurriler deutscher Träumerei“ bezeichnet, „bizarre Phantastik, verhaltene Heiterkeit und grotesker Überschwang“ machten es zu einem international beachteten Buch deutscher Nachkriegsliteratur. 1953 wurde Ernst Kreuder der Georg-Büchner-Preis verliehen, aber bereits in den sechziger Jahren gehörte er in Deutschland zu den vergessenen Autoren.

Karl May: Sitara - Land der Sternenblumen (Teil IV: Marah Durimeh) - 28.05.2017  

Musik: Franz Hautzinger / Bearbeitung und Regie: Michael Farin / BR 2017 // Zweifelsohne, Marah Durimeh ist die geheimnisvollste Gestalt im Werk Karl Mays. Wie keine andere Figur durchgeistert sie sein Spätwerk ... Sie ist die Herrin von Sitara, dem in Europa "fast gänzlich unbekannten Land der Sternenblumen" ... Herrscherin aus uraltem Königsgeschlecht ... ist alterslos und weise ... voller Würde ... oder, in den Worten Hadschi Halef Omars: "... kein gewöhnliches Weib; sie ist auch keine Königin. Sie ist ein Dschinni, eine Seele, ein Geist. Ja noch mehr: sie ist nicht nur Seele oder Geist, sondern sie ist die Herrin und die Gebieterin aller Seelen und aller Geister, die es gibt. Allah segne sie!“ Eigentlich hat mit ihr alles begonnen. Sie schickte Kara Ben Nemsi auf seine letzte Reise, auf jenem Segler namens „Wilahde“. Was nichts anderes heißt als Geburt. Und mit ihr wird alles enden, denn sie wird dort sein, wo er hinkommt. Weil der Anfang das Ende ist und das Ende der Anfang. Und sie wird es hören, wenn er aufsteht und sagt: „Hier. Hier bin ich.“

Werner Penzel/Ikue Mori/Fred Frith: Zen ist die größte Lüge aller Zeiten - 26.05.2017  

Mit Andrea Hörnke-Trieß / Originalton-Aufnahmen: Ayako Mogi / Zitate von Kodo Sawaki aus dem Japanischen von Muho Nölke / Komposition: Ikue Mori, Fred Frith / Realisation: Werner Penzel / BR 2015 / Länge: 51'22 // Der rechte Fuß auf den linken Oberschenkel, die Wirbelsäule ganz senkrecht, die Augen nur einen Spalt geöffnet - für einen Anfänger ist es schwer, die Haltung der Zazen-Sitzmeditation längere Zeit durchzuhalten, ohne sich zu bewegen oder in Gedanken abzuschweifen. Im japanischen Zen Kloster Antai-ji, nördlich von Kobe auf einem schwer zugänglichen Hochplateau gelegen, gehört diese Übung neben gemeinschaftlichen Ritualen und der Arbeit zum festen Tagesablauf. Antai-ji ist – anders als viele Zen-Klöster – für Männer und Frauen offen. Es gibt WLAN auf dem Gelände und der derzeitige Abt Muho Nölke stammt ursprünglich aus Berlin. Das Kloster Antai-ji wurde stark von dem Zen Meister Kodo Sawaki (1880–1965) geprägt. Nur wenige der zahlreichen Bücher von Sawaki wurden in westliche Sprachen übersetzt, darunter eine Anthologie mit dem Titel Zen ist die größte Lüge aller Zeiten, die 2005 im Angkor Verlag erschien. „Zen bringt uns überhaupt nichts“, sagt Sawaki. „Es gibt Leute, die betreiben Zen als Fortbildung. Das ist bloß Schminke. Zen ist keine Fortbildungsanstalt. Zen schmeichelt dir nicht, es putzt dich aber auch nicht runter. Zen bedeutet Geradeaus-Weitergehen. Was auch immer du gerade denkst, schon ist‘s wieder vorbei.“ Der Filmemacher Werner Penzel verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Antai-ji und ließ seine Erfahrungen und Beschäftigung mit Kodo Sawaki schließlich in ein Hörstück und in ein Filmprojekt münden. Er nähert sich diesem Ort gemeinsam mit den Musikern Fred Frith und Ikue Mori in freien Improvisationen, die – wie bei der Sitzmeditation Zazen – nur gelingen, wenn man beim Spielen stets aufmerksam bleibt und sich dem Risiko des Moments überlässt. Neben den teils lakonischen Texten des Zen Meisters Kodo Sawaki sind es vor allem die Tonaufnahmen aus Antai-ji, die ein Wechselspiel zwischen den verdichteten Geräuschfeldern Ikue Moris und dem behutsam aushorchenden Gitarrenspiel Fred Friths in Gang setzen.

Werner Penzel/Fred Frith/Ikue Mori: Am besten singt man mit den Ohren - 26.05.2017  

Werner Penzel, Fred Frith und Ikue Mori im Gespräch mit Norbert Lang über das Hörspiel "Zen ist die größte Lüge aller Zeiten" (BR 2015)

Kevin Vennemann: Beiderseits - 25.05.2017  

Mit Peter Fitz, Rüdiger Vogler, Karin Anselm, Stefan Hunstein, Peter Veit, Selia Er / Komposition: Hans Platzgumer / Regie: Ulrich Lampen / BR 2007 / Länge: 55'26 // Wie und warum wird Vergangenheit mit welchen Folgen verdrängt, erinnert und/oder funktional aufbereitet? Im Rahmen einer therapeutischen oder wissenschaftlichen Gesprächssituation nehmen Tone Lebonja und Mara Kogoj zu Protokoll, was Ludwig Pflügler - als deutschnational organisierter Kärntner "Heimattreuer" besonders umtriebig im volkstümlich stilisierten "Abwehrkampf" gegen die Gleichberechtigungsansprüche der slowenischen Minderheit im Bundesland - aus seinem Leben zu berichten hat. Einmal mehr sind sie gezwungen, sich der hegemonialen Ausdeutung dessen auszusetzen, was sowohl Pflügler und die Kärntner-Slowenen Lebonja und Kogoj seit jeher trennt und verbindet als auch die beiden Volksgruppen überindividuell zu einer gespaltenen Einheit aus Mehrheit und Minderheit verschweißt: eine Geschichte der Gewalt und des Misstrauens, der systematischen Ausgrenzung und der erzwungenen Anpassung, der geforderten Anbiederung und der kontinuierlichen Ablehnung. Eine Geschichte nicht zuletzt, die wahr sein könnte, aber kaum je mehr als funktionalisierte Mythologie gewesen ist. Beginnt Kogoj sich kategorisch verweigernd wegzuhören, sobald sich herausstellt, mit wem die beiden Interviewer es in Pflügler zu tun haben, lässt Lebonja ihn, fasziniert und abgestoßen zugleich, ohne jeden Einwand sprechen. Er hört zu und gibt Pflüglers apodiktischen Wahrheitsverkündungen ohne ein einziges Widerwort oder nur das geringste Bedürfnis einer Korrektur sogar noch zusätzlichen Raum zur Entfaltung – bis Pflügler ihn auf seine Seite gezerrt zu haben glaubt. Dass es soweit noch nicht gekommen sein kann, daran glaubt Mara Kogoj bis zuletzt. Die erste Hörspielarbeit von Kevin Vennemann, basierend auf seinem Roman 'Mara Kogoj' (erschienen im Suhrkamp Verlag), fasst die Geschichte kollektiv tradierter Aggressionen in eine ebenso beklemmende wie spannende Dreierkonstellation, zwischen individuellem Machtspiel und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Paranoia.

Karl May: Sitara - Land der Sternenblumen (Teil III: Stadt der Toten) - 21.05.2017  

Musik: Franz Hautzinger / Bearbeitung und Regie: Michael Farin / BR 2017 // Schön war sie gewesen, diese einstige Hauptstadt und Residenz von Ardistan! Wenn ich mir die seltsam gestalteten Höhen, zwischen denen sie lag, bewaldet und mit grünenden, blühenden Gärten ausgestattet dachte, so fiel mir keine europäische Großstadt ein, von der ich hätte sagen mögen, daß sie mit ihr zu vergleichen sei. Nun lag sie da als Leiche! Es gab keine Spur von Pflanzengrün, von Tier- und Menschenleben. Und doch war der Ausdruck ‚Leiche‘ und ‚Tod‘ nicht ganz richtig. Es gibt überhaupt keine vollpassende, sprachliche Bezeichnung für das Gefühl, welches mich wie mit mächtigen, unwiderstehlichen Fäusten packte, als mein Blick auf dieses ungewöhnliche, starre, öde, leere Häusermeer fiel. Denn die Gebäude standen noch genau so da, wie sie vor Jahrhunderten gestanden hatten. Fast nichts war zerstört. Nur die weit draußen liegenden Hütten der Armut hatten sich in Trümmer, in formlose Haufen verwandelt. "Die fantastische Schilderung der ‚Totenstadt‘ ist ein wirkliches Meisterstück, das ein wirre Kette unvergeßlicher Bilder vorführt."

Raymond Federman/Herbert Kapfer: Über die Stimme im Schrank - 20.05.2017  

Raymond Federman im Gespräch mit Herbert Kapfer / BR 1990 / Länge: 21'16

ARD Radio Tatort: Robert Hültner: Toter Acker - 17.05.2017  

Mit Brigitte Hobmeier, Florian Karlheim, Michael A. Grimm, Josef Eder, Moses Wolff, Markus Langer, Richard Oehmann, Susanne Schroeder, Ferdinand Dörfler, Tanja Frehse, Sigi Zimmerschied, Andreas Borcherding, David Zimmerschied, Judith Toth, Rena Dumont, Matthias Kupfer, Esther Then / Komposition: zeitblom / Redie: Ulrich Lampen / BR 2017 / Länge: 53'20 // Ihre Nachtschicht hat eben erst begonnen, als Senta und Rudi die Meldung von einer Schießerei im Gewerbegebiet außerhalb der Stadt erreicht. Als sie wenig später auf dem Gelände einer Recycling-Firma eintreffen, finden sie den Firmeninhaber und seinen Vorarbeiter in ihrem Blut liegend. Während bei Letzterem jede Hilfe zu spät kommt, gibt der Unternehmer Max Hörbacher noch Lebenszeichen von sich und kann gerettet werden. Da für die Kripo alle Indizien auf einen Raubmord deuten, schenkt sie dem Hinweis, dass Hörbacher seit einige Zeit von einem jungen Landwirt mit unbändigem Hass verfolgt wird, zunächst wenig Beachtung. Dann aber lassen die Ergebnisse der Kriminaltechnik Zweifel an der Raub-Hypothese aufkommen. Als sich der junge Landwirt zudem in Widersprüche und Lügen verstrickt, wird er zum Hauptverdächtigen. Senta und Rudi zweifeln daran, müssen aber erkennen, dass der Festgenommene sehr wohl einen Grund gehabt haben könnte, sich an Max Hörbacher zu rächen. Aber ist er ein Mörder?

Karl May: Sitara - Land der Sternenblumen (Teil II: Insel der Heiden) - 14.05.2017  

Musik: Franz Hautzinger / Bearbeitung und Regie: Michael Farin / BR 2017 // Im Dschirbani, dem "Räudigen", der Hauptfigur des zweiten Teils des Hörspiels, sieht Arno Schmidt - neben Kara Ben Nemsi - ein weiteres Alter Ego Karl Mays. Der Wissenschaft gegenüber aufgeschlossen öffnet er sich dem Spirituellen, dem Transzendenten, wie niemand sonst im Roman: "Untersucht das Land, in dem wir wohnen! Was findet ihr weiter als Moder, Verwesung, Schimmel und Gestank! Und was findet ihr weiter als Leben, Schönheit, Kraft, Unsterblichkeit und Duft? Heut sage ich: Das Leben duftet, der Tod aber stinkt! Und morgen sage ich: Der Tod duftet, das Leben aber stinkt! … Was von beiden ist richtig? … Ich sage, beides! Denn Leben und Tod sind eins. Man kann nicht leben, ohne immerfort zu sterben. Und man kann nicht sterben, ohne dabei das Leben zu erneuern. Merke dir das, o Hadschi Halef Omar, daß du nicht an deinem letzten, sondern an deinem ersten Atemzuge stirbst! Du lebst, indem du ohne Unterlaß verwest. Aber du hast dafür zu sorgen, daß nicht etwa beide stinken, dein Leben sowohl wie dein Tod, sondern daß beide duften.

Colin Black/Ania Mauruschat: Soundwalks, Dreamscapes, Radio Art - 12.05.2017  

Colin Black ( Radiokünstler) im Gespräch mit Ania Mauruschat / BR 2017

Karl May: Sitara - Land der Sternenblumen (Teil I: Lichte Höhen) - 07.05.2017  

Mit Sibylle Canonica, Juliane Köhler, Peter Fricke, Felix Klare, Aurel Manthei, Stefan Wilkening / Komposition: Franz Hautzinger / Bearbeitung und Regie: Michael Farin / BR 2017 // Arno Schmidt zählte Karl Mays Doppelroman "Ardistan und Dschinnistan" (1907/1909), wie überhaupt dessen späte Romane und dessen einziges Drama "Babel und Bibel" (1906), zu den "merkwürdigsten Werken deutscher Zunge" und leitete aus ihm vielerlei und allerlei her. Seine Deutungen gipfelten in der grandios gescheiterten Studie "Sitara und der Weg dorthin" (1963). Wobei: auch Arno Schmidt kam vom Wege ab und verfehlte, ähnlich wie Karl May, sein selbst-gestecktes Ziel: "Jedenfalls ist es bei diesem Ardistan & Dschinnistan so, daß man sich bis zur letzten Zeile immer noch in Ardistan befindet, das ‚& Dschinnistan‘ ist Programm geblieben; ja selbst das ‚hochinteressante‘ Zwischenland Märdistans mit der ‚Geisterschmiede‘ muß man sich aus Babel und Bibel hinzukonstruieren." Dieser Doppelroman – ein Bündel aus zahlreichen losen Handlungsfäden, die sich selbst auf über 1.200 Seiten nicht verknüpfen und am Ende „im Winde flattern“ – erzählt auf der Folie des Märchens von der Spiegelerde Sitara, das für Karl May den Beginn seines „eigentlichen“, allerdings nie vollendeten Werks darstellt, von der letzten Reise des Kara Ben Nemsi. Er unternimmt sie im Auftrag seiner Freundin Marah Durimeh, um den drohenden Krieg zwischen Ardistan und Dschinnistan zu verhindern. (Was ihm im Übrigen gelingt!) Seine Reise führt ihn an die Grenzen Dschinnistans, aber auch an die Grenzen seines Ichs. Jenseits davon, so heißt es, liegen die Pforten des Paradieses. In diesen Jahren schrieb Karl May, das ist kein Zufall, zudem einen seiner aufregendsten Texte: die 'psychologische Studie' "Frau Pollmer" (1907) sowie seine Autobiographie "Mein Leben und Sterben" (1910), die nicht grundlos mit dem „Märchen von Sitara“ beginnt. "Ardistan und Dschinnistan" lässt sich denn auch ohne weiteres als symbolistisch überhöhte, psychologisch-theologisch aufgeladene Selbstvergewisserung eines Autors deuten, der sich seinen Jenseitsvorstellungen, sie in eindrückliche Bilder transformierend, rückhaltlos auslieferte.

Elfriede Jelinek: Unseres. - 05.05.2017  

Lesung Elfriede Jelinek / BR 2017 / Länge: 76'29 // "Was, der Vater tot, der Vater tot? Was regen Sie sich auf? Jeder Vater stirbt, Ihrer halt jetzt, gestern, heute, morgen, übermorgen ein andrer, egal, ermordet, sagen Sie? Das können wir glauben oder auch nicht. Und deshalb sind Sie so unglücklich, daß Sie in den Strom nur greifen wollen, anstatt sich zur Gänze hineinzuschmeißen? Da fließt er doch, schon lang fließt er dahin. Worauf warten Sie? Der eine fließt, der andre auch, selbst wenn Sie nicht da sind. Gehts noch? Daß Sie sich auf die Schienen legen? Nicht auf die Schienen, da ist nichts drin für Sie, null Spannung. Gehts noch? Also für die Straßenbahn gehts nicht mehr, die gehört uns allen, keiner hält sie auf, keiner hält uns auf! Der Weg, egal wohin, kann beschwerlich sein, der Weg wird kein leichter sein, wir brauchen das Gefährt, das Sie da jetzt auf seiner Bahn aufhalten. Die Bahn will doch ihre Bahn entlangfahren! Was haben wir da? Wer ist da? Ein Toter, der keiner ist, eine Straßenbahn, die nicht mehr fährt. Sie muß warten. Alles steht. Der Stromabnehmer nimmt Ihnen das nicht ab. Bitte, ich bin auch Stromabnehmer! Ich nehme soviel Strom ab, wie ich halt brauche." (Unseres., 03.11.2016/07.11.2016; elfriedejelinek.com)

Elfriede Jelinek: DAS KOMMEN - 05.05.2017  

Lesung Elfriede Jelinek / BR 2017 / Länge: 11'41 // "Der Sprecher, welcher? Einer, der neueste: Die Zuversicht vertreiben wir aus dem Land, denn wir sind stark! Entschuldigung, nein, wir bringen sie, die Zuversicht, mit federleichtem Leib. Wenn wir uns selber anschaun, ist die Angst auf einmal klein. Verläßlich sind wir wie der Tod, jetzt sind wir da. Noch nicht recht wissen wir, wann und wo, egal, wir sind nicht willkommen, überall, doch bei den Guten, die nicht geschändet werden wollen, von Fremden in ihren Betten, auf dem Bahnhof, vor der Kirche, bei denen schon. Das Gift der Schreiberlinge nutzlos tropft zu Boden. Sie verbreiten Lügen, die Frucht und Feld verseuchen. Wir tanzen Polka, Ländler, Plattler, Reigen, und unbekümmert fallen dazu Schnee und Sonne. Uns um den Hals. Auf unsrer Seite. Nicht fliehn wir, wir hörn auf die Heimat, die Eltern, vor allem den lieben Vater. Das Land gehört uns, nach langer glücklicher Reise, da wir pflügten durch das, was da nutzlos gebrüllt vor unserem Bug. Der Zorn der Schreiber, ihr Gift hielt uns nicht auf, niemand hielt uns auf, wir kamen immer wieder, da die Bürger beieinander warn und das Gericht über uns in Freuden endet, im Gericht über andre. Jetzt sind wir da. Wir kamen wie gerufen, wir wurden auch gerufen schließlich! Nichts, was tun wir werden, wird ganz falsch sein und nichts ganz richtig, und nichts wird bringen Gefahr." (DAS KOMMEN, 26.04.2016/18.10.2016; elfriedejelinek.com)

Elfriede Jelinek: Jackie - 01.05.2017  

Mit Marion Breckwoldt / Regie: Karl Bruckmaier / BR 2003 / Länge: 55'33 // Eine ehemalige Heroine Amerikas, ein längst verstorbenes Idol, ruft aus dem Jenseits die Toten an. Dabei erschafft sie ein Bild von sich selbst, sie prüft Inhalt und Form ihrer Rolle, sie inszeniert sich als Kunstwerk. Mit biografischen Fakten und einem permanenten Vergleich mit Marilyn Monroe, Jackies stärkster Gegenspielerin, umkreist Jelinek in ihrem Hörspielmonolog Jacqueline Bouvier (1929 – 1994), die Witwe des US-Präsidenten John F. Kennedy und des griechischen Milliardärs Aristoteles Onassis. Ein Leben voller Glanz und Glamour, Bedeutung und Behauptung, Schicksalsschläge und Schocks. Das konzentrierte Textgebilde zieht immer engere Kreise um die Person, äußert sich immer deutlicher über die Eigenwahrnehmung des Charakters, die Einschätzung des politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehens, die Analyse der Familienverhältnisse. „‚Ein Zombie hing am Glockenseil‘ hieß einst ein billiger italienischer Horrorfilm. Jelineks Zombie heißt Jackie und hängt am Glockenseil seiner Erinnerungen, sitzt auf einer Parkbank im Jenseits; wie ‚Forrest Gump‘ hat dieser Zombie seinen Unterkiefer ausgehängt und lässt den Text laufen. Elfriede Jelinek nimmt diesen Zombie an, lässt ihn sich ausheulen, lässt ihn vertrackte Wortakrobatik treiben, lässt ihn die Schrecknisse eines Menschenlebens unbarmherzig im trüben Drüben wieder erleben. Die Regie vertraut sich dem Text ganz an, lässt ihn kreisen, gar rotieren, lässt ihn scheinbar sinnfrei mäandern bis zum Delirium; ideal für diesen Ansatz ist die Stimme von Marion Breckwoldt, die Jelineks Zombie-Sentenzen durch die Inszenierung wälzt als wären sie Bonmots, wie sie eben beim Kaffeeklatsch einer First Lady fallen. Schlechte Stimmung also im Jenseits, aber alle Anwesenden haben guten Grund dazu.“ (Karl Bruckmaier)

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