Hörspiel Pool - Bayern 2

Hörspiel Pool - Bayern 2

Germany

Jede Zeit ist Hörspielzeit. Der Hörspiel Pool bietet Produktionen des Bayerischen Rundfunks zum Herunterladen.

Episodes

Klaus Buhlert/Herbert Kapfer: Vom Process zum Schloss (2/2) - 10.02.2017  

Klaus Buhlert (Regisseur) im Gespräch mit Herbert Kapfer (Redaktionsleiter BR Hörspiel und Medienkunst) / BR 2016

Franz Kafka: Das Schloss (01/12) - 15.01.2017  

Mit Michael Rotschopf, Devid Striesow, Werner Wölbern, Steven Scharf, Peter Kurth, Corinna Harfouch, Stefan Zinner, Jens Harzer, Gerti Drassl, Sandra Hüller, Samuel Finzi, Moritz Kienemann, Dieter Fischer, Wowo Habdank, Deleila Piaskov, Margit Bendokat, Wolfram Berger, Götz Schulte, Anna Drechsler, Benedict Lückenhaus, Bibiana Beglau, Johannes Silberschneider, Stefan Wilkening / Bearbeitung, Komposition und Regie: Klaus Buhlert /BR 2016 // Drei Gassen, zwei Gasthöfe und ein Schloss. Alles auf engstem dörflichen Raum: draußen ist Winter. Der rätselhafte Neuankömmling K. betritt diese kleine, kalte Welt des Grafen Westwest mit ihren eigenen und eingefahrenen Gesetzen. Den Makel eines ewig Überzähligen, des Außenseiters, wird er, 'Landvermesser' K., hier nie verlieren. Ob der Gast im Dorfgasthaus ein heimatloser Querulant ist oder wirklich als Landvermesser kommt, das wird in der fragmentarischen Versuchsanordnung "Das Schloss", die Franz Kafka 1922 schrieb und die 1926 posthum von seinem Freund Max Brod veröffentlicht wurde, nie eindeutig geklärt. Erstarrung und Bürokratie, Willkür, Argwohn und Fremdenhass verbergen sich hinter den winterlichen Masken dörflicher Stumpfheit. Hier ist offenbar das moralisch reinigende Mandat des wehrhaften Außenseiters gefragt. Kafka lässt seinen Helden K. erst einmal hungrig, müde und allein eintreffen, in der ungastlichen Wirtsstube des ‚Brückenhofes‘. Doch An- und Weiterkommen, das schwant auch dem Kafka-unkundigen Zuhörer, werden schnell zum heiklen Unter-fangen. Der Zutritt zum mysteriösen Schloss bleibt K. beharrlich verwehrt. Ohne Status und Legitimation wird er zusehends zum Irrgänger – ähnlich den Ortsansässigen, die teilnahmslos durch die „hiesige Ordnung der Dinge“ treiben, ohne dass „Ordnung“ oder „Dinge“ je durchschaubar wären. Nur in den Anfangskapiteln des Romanfragments wird überhaupt eine Handlung entwickelt. Alle weiterführenden Kapitel dagegen sind durch lange in sich kreisende Gespräche geprägt. Der kausale Ablauf verliert sich zunehmend. Ob der bürokratische Apparat des Schlosses K. will oder nicht, ob die Bauern ihm trauen, die Schankmädchen ihn lieben, das bleibt ungewiss; der ‚Roman’ bleibt Fragment. Die Chiffren der Entfremdung, die Kafkas Das Schloss bietet, überträgt die 12-teilige Hörspielproduktion von Klaus Buhlert in eine dunkel ironische Inszenierung von Sprache und Klang.

Klaus Buhlert/Herbert Kapfer: Vom Process zum Schloss (1/2) - 13.01.2017  

Klaus Buhlert (Regisseur) im Gespräch mit Herbert Kapfer (Redaktionsleiter BR Hörspiel und Medienkunst) / BR 2016

Valère Novarina: Dem unbekannten Gott - 07.01.2017  

Aus dem Französischen von Leopold von Verschuer / Mit Eva Brunner, Leopold von Verschuer, Tony de Mayer, Manuel Rösler / Realisation: Leopold von Verschuer / BR 2011 / Länge: 79.23 // La Chair de l'homme / Das Fleisch des Menschen, 2005 erschienen, ist mit 525 Seiten das bislang umfangreichste dramatische Werk von Valère Novarina. Kapitel XXV - Au dieu inconnu / "Dem unbekannten Gott" besteht aus einer Aufzählung von dreihundertundelf Gottesdefinitionen. Ein nicht endender Versuch, das Unaussprechliche in Worte zu fassen, der an die Grenzen des Denk- und Formulierbaren führt und ein schillerndes Kaleidoskop freilegt. Die zitierten Autoren reichen von der Antike über die Kirchenväter und Mystiker aller Religionen zur Moderne, von erklärten Agnostikern zu bekannten wie unbekannten Zeitgenossen. In Zeiten der Neubesinnung auf Religiosität weist dieser Text weit hinaus über jede ideologische Engführung. Er stellt ein Abenteuer menschlichen Denkens und der Sprache dar. Aufgewachsen am Genfer See und in den Bergen, schreibt Novarina täglich seit 1958, veröffentlicht seit 1978 und wurde zu einer absolut singulären Stimme der Literatur und des Theaters in Frankreich. Sein Schreiben steht in seiner Unbedingtheit dem der Autoren der Art brut, Artaud und Jarry näher als jeder narrativen Konvention. Zirkus, Jahrmarkttheater, Mysterienspiel, Pinocchio und Louis de Funès, aber auch das japanische N?-Theater sind Referenzen, die er sich in seinen überschäumenden Sprachkunstwerken anverwandelt. Neologismen, verdrehte Grammatik, seitenlange Aufzählungen von Namen oder Ereignissen, Stehgreif- oder Kinderverse, Nachrichten im Stile von Tagesaktualitäten oder Schlachtenberichten, berufsspezifische Wendungen, Zitate quer durch die Geistesgeschichte, Politparolen, Werbesprüche – der gesamte Fundus der Sprache ist Gegenstand seines Schreibens, das die Vitalität des Sprechens jenseits bloßen Informationstransfers mobilisiert und ein Begreifen in anderen Tiefenschichten provoziert: ontologisches, welthaltiges Worttheater und vielstimmiger Roman théâtral. Für die Übersetzung von Dem unbekannten Gott recherchierte Leopold von Verschuer jede einzelne Originalquelle der Zitate und holt dafür so viele Stimmen wie zitierte Autoren vors Mikrofon.

Michael Farin: Mir geht nichts über mich! Oder: Wie sich Max Stirner die Welt dachte - 30.12.2016  

Mit Nadeshda Brennicke, Marijam Agischewa, Gert Heidenreich, Jens Harzer, Wolfgang Hess / Komposition: zeitblom / Regie: Michael Farin / BR 2006 / Länge: 55'50 // Eine Kampfansage, eine Attacke war es, was Johann Caspar Schmidt im Jahre 1844 unter dem ominösen Autornamen Max Stirner und mit dem kryptischen Titel "Der Einzige und sein Eigentum" veröffentlichte. „Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.“ Wohl niemals zuvor hatte ein Philosoph ‚seine Sache’ mit einer solchen Ausschließlichkeit auf sich selbst zu stellen gewagt: „Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewußtseins.“ Die Reaktion folgte auf dem Fuße. Max Stirner erntete Häme, Hohn, Spott. ‚Heiland der Einzigkeit’ nannte man ihn, oder kurzerhand, wie Karl Marx und Friedrich Engels, ‚Sankt Max’. Immerhin widmeten die beiden Urväter des Kommunismus dem Urvater des individualistischen Anarchismus über 300 Seiten ihres Werkes Die deutsche Ideologie. Darin exemplifizierten sie ihre These, dass den Menschen „die Ausgeburten ihrer Köpfe über den Kopf gewachsen seien.“ Max Stirner scheint die schlimmsten Einschätzungen zu rechtfertigen, denn er hebelt mit seinem Hauptwerk nicht nur altgewohnte Denkstrukturen aus, er stellt auch jede gesellschaftliche, jede moralische Kategorie in Frage: Ich „bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn Ich Mir’s selbst nicht verbiete.“ Ein Zernichter der Welt also? Albert Camus jedenfalls beschreibt ihn als einen ‚nihilistischen Rebellen’ im Rausch der Zerstörung: „So kündet auf den Ruinen der Welt das trostlose Lachen des königlichen Individuums den letzten Sieg des Geistes der Revolte.“ Stirner lässt sich aber ebensogut auch, wie in diesem Hörspiel, als Gastgeber eines Fests der Begriffe begreifen, als ein Jongleur der Bedeutungen, ein gewiefter Experte des Lebens, als einer, der mit seinem Dämon d’accord ist. Dank der Musik von Zeitblom verschmelzen seine Sätze dann mit denen von Hegel, Marx/Engels und Panizza zu einem Blues mit wechselnden Mustern und Schatten, perkussiven Schrägheiten, Gitarrenriffs, elektronischem Flirren, tiefen Dub-Bässen, wechselnden Tempi und Tonarten, zu einer seltsamen undurchdringlichen Mixtur – zu einem Wort/Welt-Gewitter.

Mira Alexandra Schnoor: Kafkas 'Process' - Geschichte eines Fragments - 25.12.2016  

Mit Beate Himmelstoß, Silvie Sperlich, Christian Baumann, Fabian von Klitzing, Johannes Hitzelberger, Friedrich Schloffer / Realisation: Mira Alexandra Schnoor / BR 2010 / Länge: 55'25 // "Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Schon der erste Satz des Romans "Der Process" gehört zu den berühmtesten Romananfängen des 20. Jahrhunderts. Dem Prager Schriftsteller Franz Kafka gelang mit der rätselhaften Geschichte des Josef K. ein Schlüsselwerk der deutschsprachigen Literatur, und das, obwohl er das Manuskript nie vollendete. So stand am Beginn der Editionsgeschichte des Romans das Konzept des Herausgebers Max Brod, den Fragmentcharakter des Textes zu mindern. Einer Verfügung Kafkas zum Trotz, der gefordert hatte, alle unveröffentlichten Manuskripte und Aufzeichnungen "ausnahmslos" zu verbrennen, veröffentlichte Brod den Text, wobei er die einzelnen Kapitel in eine Ordnung brachte, unvollständige Kapitel weg lies und Schreibweisen sowie Zeichensetzung überarbeitete. Erst nach und nach setzten er und folgende Herausgeber sich akribischer mit der Entstehungsgeschichte auseinander, wurden Unklarheit über die Textanordnung und Fragen nach vollendetem oder fragmentarischem Status der einzelnen Kapitel zu einem Forschungsfeld für Philologen und Interpreten. Nicht zuletzt macht der Anfang 2010 zwischen den Erben des Brod-Nachlasses und der Nationalbibliothek in Tel Aviv heftig geführte Streit um die Sichtung bisher zurückgehaltener Teile des Nachlasses mit eventuell noch nicht bekannten Werken Kafkas deutlich, wie komplex und hoch aktuell Überlieferungsfragen von Literatur sind. Davon erzählt Mira Alexandra Schnoor anhand der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte von Kafkas immer noch faszinierenden und verstörendem Werk "Der Process".

Andreas Ammer: Eigentum am Lebenslauf. Das Gesamte im Werk des Alexander Kluge - 23.12.2016  

Mit Alexander Kluge, Andreas Ammer / Komposition: Console/Martin Gretschmann / Realisation: Andreas Ammer / BR 2007 / Länge: 53'59 // Alexander Kluge hat in seinem Leben viel erzählt. Lebensläufe hießen die Geschichten, mit denen der spätere Filmemacher und Fernsehgestalter Anfang der 60er Jahre erstmals als Schriftsteller öffentlich auftrat. Sie seien "teils erfunden, teils nicht erfunden. Zusammen ergeben sie eine traurige Geschichte." Als am Ende des Jahrtausends dann Kluge sein ‚summum opus’, die vieltausendseitige Chronik der Gefühle vorlegte, trug deren zweite Hälfte immer noch den gleichen lakonischen Titel: Lebensläufe. Die Geschichten ergaben die traurige Geschichte des 20. Jahrhunderts (beginnend mit dem Urknall). Viel mehr jedoch hat Alexander Kluge in seinem Leben erzählen lassen: In seinen TV-Magazinen ist er der geduldige Zuhörer, ein elektronischer Sokrates, der jeden seiner Gäste bis an die Grenze des Erträglichen davon erzählen lässt, was ihr Leben und die gesamte Welt im Innersten zusammenhält. Erzählen / lassen. Für Eigentum am Lebenslauf hat Andreas Ammer diese beiden Facetten des Alexander Kluge dialektisch zusammengefügt und daraus ein Hörspiel produziert.

Roland Reuß/Julian Doepp: Kafkas "Process" als Handschrift - 19.12.2016  

Roland Reuß (Herausgeber der historisch-kritischen Franz-Kafka-Ausgabe) im Gespräch mit Julian Doepp / BR 2010 // "Ich schreibe seit ein paar Tagen ... mein regelmäßiges, leeres, irrsinniges, junggesellenmäßiges Leben hat eine Rechtfertigung", notiert Franz Kafka im August 1914 in sein Tagebuch. Nicht lange danach erwähnt er zum ersten Mal den "Process". Der Akt des Schreibens an dem Romanfragment dokumentiert sich in der historisch-kritischen Edition. Denn die Faksimiles und Transkriptionen von Kafkas Handschrift zeigen keinen linearen, abgeschlossenen Text, sondern offenbaren den "Process" als work in progress. In einem ausführlichen Gespräch mit Roland Reuß, der die Edition unter Mitarbeit von Peter Staengle herausgegeben hat, wird deutlich, welche Entscheidungen für das editorische Vorgehen ausschlaggebend waren - angesichts einer Textüberlieferung, aus der sich viele Fragen ergeben: Wie erkennt man ein unvollendetes Kapitel? Warum hat Kafka versucht, Anfang und Ende des Romans gleichzeitig zu verfassen? Verändert sich der Stil eines Autors, wenn er sich beim Schreiben dem unteren Seitenrand nähert? Und ist es Zufall, dass die Initialen der Romanfigur Frau Bürstner mit denen von Kafkas Ex-Verlobter Felice Bauer identisch sind? Die Versuchung, eindeutige Antworten auf diese und ähnliche Fragen zu konstruieren, ist groß. Gerade die Wissenslücken aber, so zeigt die Edition von Reuß und Staengl, führen in das Abenteuer, sich auf die Auseinandersetzung mit der Handschrift einzulassen, auf durchgestrichene Sätze, nicht nummerierte Kapitel und das Schwanken des Autors. Das Für und Wider von Leseausgaben kommt hier ebenso zur Sprache wie die Umsetzung des Editionskonzepts in eine Hörspielfassung.

Klaus Wagenbach/Julian Doepp: Leben mit Kafka - 19.12.2016  

Klaus Wagenbach (Verleger) im Gespräch mit Julian Doepp / BR 2010 // Der Legende nach geschah es im Sommer 1950, dass Klaus Wagenbach den ersten Satz von Franz Kafkas "Process" las. Als Lehrling im S.-Fischer-Verlag sollte er den Umfang eines schlecht gedruckten, braunen Buches schätzen, das der Verlag neu herausbringen wollte. Das Zeilenzählen führte zu einer Lektüre, die sein Leben veränderte. Von der Dissertation, die 1958 erschien und die Jugend des Schriftstellers dokumentiert, über eine Begegnung mit Max Brod und ausgedehnte Forschungsreisen bis zur weltweit größten Sammlung von Kafka-Porträts, die er in einem Kästchen aufbewahrt. Anders als viele Forscher hat Klaus Wagenbach von Anfang an die materiellen Lebensumstände des Dichters in Augenschein genommen: Gegenstände und Fotografien ebenso wie Wohn- und Ferienorte, für den Arbeitgeber erstellte Berichte oder das sogenannte Familiantenbuch der Kafkas. Seine Veröffentlichungen waren einschneidende Ereignisse. In seiner Dissertation stellte Wagenbach erstmals den ‚linken’ Kafka vor und veränderte das gewohnte Bild vom ewig schwermütigen Autor, als er 1983 im eigenen Verlag eine überbordende Bildmonographie herausgab - mit einem lachenden Kafka auf der Titelseite. Wagenbach beschreibt sich heute selbst als „dienstälteste aller Kafka-Witwen“ und wandelt, mit 80 Jahren, noch immer auf den Spuren dieses „seltsamen Heiligen“.

Eran Schaerf: Sie hörten Nachrichten - 16.12.2016  

Mit Peter Veit / Realisation: Eran Schaerf / BR 2005 / Länge: 26'22 // "Sie hörten Nachrichten". Aber was hören wir denn in Eran Schaerfs gleichnamigem Hörspiel? Keine Nachrichten, die morgen schon Schnee von gestern sind. Wir hören etwas, als ob es schon einmal gewesen wäre, während wir gleichzeitig das Hören selbst als Vergegenwärtigung eines schon vorher Gewesenen begreifen, das von neuem möglich wird. Das liegt nicht nur daran, dass Schaerf seine Nachrichten sorgfältig auswählt, die allesamt gegenwärtige Konflikte berühren, wie sie die Rechtsprechung in Frage stellen. Es liegt vor allem auch daran, wie Schaerf seine Nachrichten kombiniert, unterbricht und dort weitererzählt, wo sich die Grenzen der Genres, der Nachrichten und des Hörspiels, der Wirklichkeit und der Fiktion verwischen und unsere Maßstäbe ins Rutschen bringen. Im Gegensatz zu den Nachrichten, gibt Schaerfs Hörspiel uns nicht nur das, was gewesen ist und uns mit Ohnmacht und Ressentiment erfüllt. Dieses Hörspiel ist ein sowohl ernsthaftes als auch vergnügliches Nachrichtengedächtnis, das auch das Gewesene wieder mit Möglichkeit auflädt. Während wir zuhören, begreifen wir, wie etwas möglich wurde, und dass alles, selbst das, was wir gerade hören, möglich ist. In Schaerfs Nachrichten geht es nicht darum, die Wirklichkeit, von der sie berichten, wahrscheinlich zu machen. Es geht darum, sie wieder möglich werden zu lassen durch eine Berichterstattung, die ihre Technik der Montage in den Vordergrund rückt. Die Wirklichkeit selbst wird zu einer Montage von Möglichkeiten und das heißt, dass wir in sie eingreifen können.

Fragen für alle - Fragen an die Macherinnen - Mit Heike Geißler/Anke Dyes - 09.12.2016  

Heike Geißler (Autorin) und Anke Dyes (Künstlerin) im Gespräch mit Christine Grimm.

Heike Geißler/Anke Dyes: Fragen für alle - 09.12.2016  

Beate Himmelstoß, Peter Veit sowie 47 Fragende und Befragte / Realisation: Heike Geißler/Anke Dyes / BR 2016 / Länge: 51'50 // "Wie spät ist es? Sind Sie gerade allein? Sind Sie froh dort zu sein, wo Sie gerade sind? Wäre es jetzt bereits Zeit für ein wenig Alkohol? Was fehlt? Kann ein guter Tag schlecht beginnen?" Fragen können offen sein oder geschlossen, allgemein oder speziell, sachlich oder persönlich. Fragen irritieren oder motivieren. Sie sind suggestiv, rhetorisch, paradox, aber auch pragmatisch, direkt, humorvoll. Sie können Antworten provozieren, Ratlosigkeit und neue Fragen. Sie können die Augen öffnen für die Welt, oder den Befragten auf sich selbst zurückwerfen. Sie speisen sich aus dem Staunen, der Neugier und der Unwissenheit, genauso aber auch aus Macht, Hierarchien und Hilflosigkeit. So vielfältig und vielschichtig Fragen sind, so wichtig bleibt eines: Dass sie gestellt werden. Und deshalb haben die Autorin Heike Geißler und die Künstlerin Anke Dyes ein scheinbar nicht enden wollendes Fragenkonvolut zusammengestellt, mit dem sie Bekannte, Passanten und den Hörer ihres Hörspiels konfrontieren. "Fragen für alle" stellt Fragen zu allem: Person, Gesellschaft, Politik, Medien, Moral und noch vielem mehr. In Straßeninterviews und Gesprächen untersuchen die Autorinnen die Welt, die Gefragten, den Fragenden und das Medium der Frage selbst. So heterogen die Ausgangslage ist, so divergent sind denn auch die Antworten in den Originaltönen, den Studioaufnahmen und im Kopf des Hörers, der immer mit angesprochen ist. In ihnen eröffnen sich weniger eindeutige Standpunkte, als vielmehr in Gang gesetzte Prozesse der Reflexion oder Destabilisierung und Versuche, Orientierung zu gewinnen. Fragen als vielleicht besonders zeitgemäße Form, über uns, unsere Gesellschaft und unsere Zeit Erkenntnis zu gewinnen.

Klaus Ramm: Die Welt im Wort entdecken - Helmut Heißenbüttel - der Autor als Rezensent - 02.12.2016  

Mit Bernt Hahn, Klaus Ramm / BR 2016 / Länge: 71'40 // Der Büchnerpreisträger Helmut Heißenbüttel war eine der prägenden Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsliteratur, auch zur Erneuerung des Hörspiels hat er mit seinem akustischen Werk und seinen programmatischen Essays entscheidende Impulse gegeben. Zwanzig Jahre nach seinem Tod porträtiert ihn Klaus Ramm aus einer ganz anderen Perspektive: Heißenbüttel war zugleich ein leidenschaftlicher Leser und unorthodoxer Literaturkritiker, der in dem eher bieder-konventionell orientierten literarischen Klima der fünfziger und sechziger Jahre den Blick öffnete auf Ungewohntes, Unabgesichertes und unbekannt Gebliebenes: auf die europäische und amerikanische Moderne ebenso wie auf die durch die Nazizeit verschütteten Traditionen und die avancierten Neuansätze der deutschen Literatur. Seine Rezensionen sind - wie seine Hörspiele - überzeugende Plädoyers für eine andere, offenere, risikoreichere Wahrnehmung der Welt durch Sprache und durch Literatur. Bernt Hahn liest ausgewählte Kritiken zu Uwe Johnson, Alexander Kluge, Franz Mon, Charles Olson, Andy Warhol und anderen aus dem Band Zur Lockerung der Perspektive.

Virginia Woolf: Zum Leuchtturm (3/3) Der Leuchtturm - 27.11.2016  

Aus dem Englischen von Gaby Hartel / Mit Zoe Hutmacher, Wiebke Puls, Irina Wanka, Walter Hess, Caroline Ebner, Sven Gey, Karolina Horster / Bearbeitung: Gaby Hartel / Komposition: Ulrike Haage / Regie: Katja Langenbach / BR 2016 / Länge: 47'14 // Zum Leuchtturm ist Virginia Woolfs fünftes literarisches Experiment und liegt damit so zentral in ihrem Schaffen, wie der strukturgebende Baum, den die Protagonistin Lily Briscoe ganz entschieden in die leere Mitte ihres Bildes setzt, um es zu vollenden. Vier Romane liegen vor diesem Buch und vier werden ihm noch folgen. Für die Autorin war es ihr wichtigstes Werk, in dem sie nichts weniger fassen wollte als „das Tragische, das Komische, die Leidenschaft und das Lyrische“. Mehr noch als in Mrs. Dalloway oder Jacobs Zimmer, arbeitet Woolf hier an der Verschränkung und Verdichtung von Zeit-, Gefühls- und Erlebnisebenen. Am Anfang steht die Frage des kleinen James Ramsay, ob die für den nächsten Tag geplante Segeltour zum Leuchtturm stattfinden wird. Das Wetter verhindert den Ausflug. Zehn Jahre vergehen bis zur Erfüllung seines Kindheitstraums, womit der Roman endet. Anhand der Erlebnisse der Familie Ramsay und einiger Freunde in einem schottischen Ferienhaus, verschachtelt Woolf die Gleichzeitigkeit und Unordnung von unmittelbar erfahrenem und reflektiertem Leben. Sie kontrastiert einen auf die Menschen gerichteten Blickcluster mit der vom menschlichen Schicksal ungerührt fortschreitenden Zeit, in der Kriege und menschliche Tragödien nur winzige, unwichtige Episoden darstellen. Diese Perspektive ist akustisch markiert vom Geräusch der am Strand sich brechenden Wellen, was gleichzeitig bedrohlich und beruhigend wirkt. Virginia Woolf wusste früh, dass dieser Roman vom Klang des Meeres unterlegt sein sollte und es scheint, als habe sich die Autorin so auch in einen Schreibrhythmus gewiegt, der sie in ihre Kindheit zurückführte. Mr. und Mrs. Ramsay sind den Eltern der Autorin nachempfunden: Julia Stephen, der charismatischen, früh verstorbenen Mutter und Leslie Stephen, dem cholerischen Vater und einflussreichen Schriftsteller. Wenn dieses Werk auch von Woolfs emotionaler Ambivalenz gegenüber den Eltern angetrieben wird, so lässt es das Autobiografische doch weit hinter sich. Die Autorin verdichtet ihr Nachdenken über das eigene Leben ins Universale, indem sie eine Reihe von Gegensätzen untersucht: männlich / weiblich, Leben / Tod, Kreativität (Malen, Schreiben, Reden) / steriler Egozentrismus, Vergänglichkeit des Augenblicks / Schaffen einer dauerhaften Erfahrung. Diese Dualismen bettet Woolf in die drei Teile ihres Romans ein, von denen der erste an einem Nachmittag und Abend spielt, der zweite zehn Jahre umfasst, in denen fast ausschließlich das Haus Protagonist der Erzählung ist und der dritte einen langen Vormittag darstellt. Zum Leuchtturm wird von Natur- und Alltagsgeräuschen getragen, von Gesprächsfetzen oder erinnerten Stimmen, die dieses Textgebilde schon beim Lesen emotional zum Leuchten bringen. Im Radio kommen sie zu sich.

Virginia Woolf: Zum Leuchtturm (2/3) Zeit vergeht - 20.11.2016  

Aus dem Englischen von Gaby Hartel / Mit Zoe Hutmacher, Wiebke Puls, Irina Wanka, Elisabeth Schwarz, Caroline Ebner, Peter Brombacher, Julia Loibl, Christian Löber / Bearbeitung: Gaby Hartel / Komposition: Ulrike Haage / Regie: Katja Langenbach / BR 2016 / Länge: 49'16 // Zum Leuchtturm ist Virginia Woolfs fünftes literarisches Experiment und liegt damit so zentral in ihrem Schaffen, wie der strukturgebende Baum, den die Protagonistin Lily Briscoe ganz entschieden in die leere Mitte ihres Bildes setzt, um es zu vollenden. Vier Romane liegen vor diesem Buch und vier werden ihm noch folgen. Für die Autorin war es ihr wichtigstes Werk, in dem sie nichts weniger fassen wollte als „das Tragische, das Komische, die Leidenschaft und das Lyrische“. Mehr noch als in Mrs. Dalloway oder Jacobs Zimmer, arbeitet Woolf hier an der Verschränkung und Verdichtung von Zeit-, Gefühls- und Erlebnisebenen. Am Anfang steht die Frage des kleinen James Ramsay, ob die für den nächsten Tag geplante Segeltour zum Leuchtturm stattfinden wird. Das Wetter verhindert den Ausflug. Zehn Jahre vergehen bis zur Erfüllung seines Kindheitstraums, womit der Roman endet. Anhand der Erlebnisse der Familie Ramsay und einiger Freunde in einem schottischen Ferienhaus, verschachtelt Woolf die Gleichzeitigkeit und Unordnung von unmittelbar erfahrenem und reflektiertem Leben. Sie kontrastiert einen auf die Menschen gerichteten Blickcluster mit der vom menschlichen Schicksal ungerührt fortschreitenden Zeit, in der Kriege und menschliche Tragödien nur winzige, unwichtige Episoden darstellen. Diese Perspektive ist akustisch markiert vom Geräusch der am Strand sich brechenden Wellen, was gleichzeitig bedrohlich und beruhigend wirkt. Virginia Woolf wusste früh, dass dieser Roman vom Klang des Meeres unterlegt sein sollte und es scheint, als habe sich die Autorin so auch in einen Schreibrhythmus gewiegt, der sie in ihre Kindheit zurückführte. Mr. und Mrs. Ramsay sind den Eltern der Autorin nachempfunden: Julia Stephen, der charismatischen, früh verstorbenen Mutter und Leslie Stephen, dem cholerischen Vater und einflussreichen Schriftsteller. Wenn dieses Werk auch von Woolfs emotionaler Ambivalenz gegenüber den Eltern angetrieben wird, so lässt es das Autobiografische doch weit hinter sich. Die Autorin verdichtet ihr Nachdenken über das eigene Leben ins Universale, indem sie eine Reihe von Gegensätzen untersucht: männlich / weiblich, Leben / Tod, Kreativität (Malen, Schreiben, Reden) / steriler Egozentrismus, Vergänglichkeit des Augenblicks / Schaffen einer dauerhaften Erfahrung. Diese Dualismen bettet Woolf in die drei Teile ihres Romans ein, von denen der erste an einem Nachmittag und Abend spielt, der zweite zehn Jahre umfasst, in denen fast ausschließlich das Haus Protagonist der Erzählung ist und der dritte einen langen Vormittag darstellt. Zum Leuchtturm wird von Natur- und Alltagsgeräuschen getragen, von Gesprächsfetzen oder erinnerten Stimmen, die dieses Textgebilde schon beim Lesen emotional zum Leuchten bringen. Im Radio kommen sie zu sich.

Virginia Woolf: Zum Leuchtturm (1/3) Die Tür aus Glas - 13.11.2016  

Aus dem Englischen von Gaby Hartel / Mit Zoe Hutmacher, Wiebke Puls, Irina Wanka, Krista Posch, Walter Hess, Caroline Ebner, Shenja Lacher, Julia Loibl, Christian Löber, Peter Brombacher, Moritz Zehner / Bearbeitung: Gaby Hartel / Komposition: Ulrike Haage / Regie: Katja Langenbach / BR 2016 / Länge: 51'23 // Zum Leuchtturm ist Virginia Woolfs fünftes literarisches Experiment und liegt damit so zentral in ihrem Schaffen, wie der strukturgebende Baum, den die Protagonistin Lily Briscoe ganz entschieden in die leere Mitte ihres Bildes setzt, um es zu vollenden. Vier Romane liegen vor diesem Buch und vier werden ihm noch folgen. Für die Autorin war es ihr wichtigstes Werk, in dem sie nichts weniger fassen wollte als „das Tragische, das Komische, die Leidenschaft und das Lyrische“. Mehr noch als in Mrs. Dalloway oder Jacobs Zimmer, arbeitet Woolf hier an der Verschränkung und Verdichtung von Zeit-, Gefühls- und Erlebnisebenen. Am Anfang steht die Frage des kleinen James Ramsay, ob die für den nächsten Tag geplante Segeltour zum Leuchtturm stattfinden wird. Das Wetter verhindert den Ausflug. Zehn Jahre vergehen bis zur Erfüllung seines Kindheitstraums, womit der Roman endet. Anhand der Erlebnisse der Familie Ramsay und einiger Freunde in einem schottischen Ferienhaus, verschachtelt Woolf die Gleichzeitigkeit und Unordnung von unmittelbar erfahrenem und reflektiertem Leben. Sie kontrastiert einen auf die Menschen gerichteten Blickcluster mit der vom menschlichen Schicksal ungerührt fortschreitenden Zeit, in der Kriege und menschliche Tragödien nur winzige, unwichtige Episoden darstellen. Diese Perspektive ist akustisch markiert vom Geräusch der am Strand sich brechenden Wellen, was gleichzeitig bedrohlich und beruhigend wirkt. Virginia Woolf wusste früh, dass dieser Roman vom Klang des Meeres unterlegt sein sollte und es scheint, als habe sich die Autorin so auch in einen Schreibrhythmus gewiegt, der sie in ihre Kindheit zurückführte. Mr. und Mrs. Ramsay sind den Eltern der Autorin nachempfunden: Julia Stephen, der charismatischen, früh verstorbenen Mutter und Leslie Stephen, dem cholerischen Vater und einflussreichen Schriftsteller. Wenn dieses Werk auch von Woolfs emotionaler Ambivalenz gegenüber den Eltern angetrieben wird, so lässt es das Autobiografische doch weit hinter sich. Die Autorin verdichtet ihr Nachdenken über das eigene Leben ins Universale, indem sie eine Reihe von Gegensätzen untersucht: männlich / weiblich, Leben / Tod, Kreativität (Malen, Schreiben, Reden) / steriler Egozentrismus, Vergänglichkeit des Augenblicks / Schaffen einer dauerhaften Erfahrung. Diese Dualismen bettet Woolf in die drei Teile ihres Romans ein, von denen der erste an einem Nachmittag und Abend spielt, der zweite zehn Jahre umfasst, in denen fast ausschließlich das Haus Protagonist der Erzählung ist und der dritte einen langen Vormittag darstellt. Zum Leuchtturm wird von Natur- und Alltagsgeräuschen getragen, von Gesprächsfetzen oder erinnerten Stimmen, die dieses Textgebilde schon beim Lesen emotional zum Leuchten bringen. Im Radio kommen sie zu sich.

Römische Nächte und ihre Erzähler - Mit Ingo Schulze - 11.11.2016  

Ingo Schulze (Autor) im Gespräch mit Marie Schoeß. BR 2016

Ingo Schulze: Augusto, der Richter - 11.11.2016  

Mit Paul Herwig, Christian Redl, Judith Rosmair, Krista Posch u.a. / Regie: Ulrich Lampen / MDR/BR 2016 / Länge: 65'14 // Einem deutschen Schriftsteller, mit Frau und Töchtern zu Gast in der Villa Massimo, reißt beim Fußballspielen die Achilles-Sehne, nach der Operation steckt er wochenlang im Haus fest. Umso größer die Freude, als er sich zum ersten Mal wieder zu Fuß in die Stadt wagt. Übermütig beschließt er, gleich die nötigen Besorgungen zu machen - der Supermarkt ist ganz in der Nähe. Nur, dass er den ausliegenden Köstlichkeiten unter diesen Umständen noch schwerer widerstehen kann als sonst! Bald bekommt er den Wagen kaum noch vom Fleck, dafür melden sich die Schmerzen im Bein wieder. Wie soll er das alles jemals nach Hause schaffen? Da kommt dieser Augusto wie gerufen - ein Rumäne, wie sich herausstellt, mit grüner Warnweste überm ausgewaschenen Shirt. Ist er, wie er unterwegs behauptet, ebenfalls Schriftsteller? Fesselnd erzählen kann er jedenfalls: Nämlich von den schier unglaublichen Erlebnissen der vergangenen Nacht. Zuerst hatte er nur einer reichen Signora beim Transport der Einkäufe geholfen. Doch dann in ihrem Palazzo werden ganz andere Dienste von ihm erwartet. Denn die drei Grazien, die dort residieren, geben ein Fest. Dazu einen Tanzwettstreit - nach jeder Runde wird ein Paar abgewählt. Und Augusto, gebadet und in duftende Gewänder gehüllt, ist der Richter. Doch als das Fest in eine Orgie von Sex und Gewalt mündet, bricht Augusto ab. Will der Schriftsteller ihn deshalb unbedingt noch einmal treffen? Oder wegen der zwei Fünfzig-Euro-Scheine, die aus seinem Portemonnaie verschwunden sind? Oder weil er nicht damit zurechtkommt, dass der Eine lebt wie im Paradies auf Erden, und der Andere ihm die Schlemmereien trägt?

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