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"Küken retten - ja aber..."  Kommentar für SWR 2 Impuls  

hon-frei, bestellt von SWR2 Impuls "Küken retten ja - aber vergesst die anderen Hühner nicht!" Mod-Vorschlag: Schätzungsweise 40 bis 50 Millionen männliche Küken werden in Deutschland jedes Jahr gleich nach dem Schlüpfen getötet. Der Grund: sie haben das falsche Geschlecht: Eier können sie nicht legen. Da sie aber aus Lege-Rassen stammen, setzen sie auch viel weniger Fleisch an als echte Masthähnchen. Also werden die Küken vergast. Eine mögliche Lösung präsentiert Landwirtschaftsminister Christian Schmidt heute (19.1.2017) auf der Grünen Woche in Berlin: eine Methode, mit der sich das Geschlecht der Küken schon im Ei erkennen lässt. Die Männchen könnten schon als Ei aussortiert werden. Also: Ende gut - alles gut? Stefanie Peyk findet: Nein. Beitrag: Flauschige Küken vor dem Tod bewahren - wer will das nicht? Da kommt eine Methode zur Geschlechtserkennung im Ei doch wie gerufen. Sollte man meinen. Ich finde: Wenn das Verfahren irgendwann tatsächlich auch in der Praxis ankommt, können wir vielleicht mit Selters anstoßen - für Sekt gibt es keinen Anlass. Was mich ärgert: Wie so oft messen wir im Tierschutz mit zweierlei Maß. Für die Küken machen wir uns stark, weil sie so niedlich sind. Das ist die Macht der Bilder - auch der Bilder im Kopf. Niemand will sich vorstellen, wie süße Küken im Schredder sterben. Mal abgesehen davon, dass in Deutschland Küken gar nicht geschreddert, sondern mit CO2 getötet werden - Wo bleibt der Aufschrei wegen des Schicksals der Hühner, die länger leben? Denen geht's nämlich auch dreckig. Legehennen, die Schwestern der Eintagsküken, werden etwa anderthalb Jahre alt. Sie sind auf Leistung gezüchtet. All ihr Kalzium brauchen sie für die Schalen der vielen Eier - die Folge: die Knochen vieler Hennen werden brüchig. Lässt die Legeleistung nach, enden sie als Suppenhuhn. Den sogenannten Fleischrassen geht's nicht besser: Jahr für Jahr müssen Hunderte Millionen Masthühner im Turbogang Fleisch ansetzen - bis sie im zarten Alter von vier bis sechs Wochen geschlachtet werden. Ihr Leben bis dahin: auf kaum mehr als einer DIN A5-Seite Platz in einem Stall. Scharren und Picken im Freien: Fehlanzeige. Wegen ihrer schnellen Gewichtszunahme leiden viele unter Gelenkerkrankungen und Schmerzen. Masthühner und Legehennen leben also länger als die männlichen Eintagsküken - Aber schön ist ihr Leben nicht, auch sie sind zu bedauern. Doch - um im Bild zu bleiben: nach ihnen kräht kein Hahn. Zweierlei Maß also ... Dazu kommt: ein Verfahren zur Geschlechtserkennung im Ei mag Millionen männlichen Küken die Geburt und damit auch den frühen Tod ersparen. Aber gleichzeitig verfestigt und zementiert es das derzeitige System der Fleischproduktion - eben die aberwitzige Spezialisierung von Hochleistungs-Geflügelrassen: die einen legen nur Eier, die anderen liefern Fleisch. Und weil es das ethische Problem der Eintagsküken dann nicht mehr gibt, wird weitergemacht wie bisher - inklusive Tierleid, das die Spezialisierung mit sich bringt. Darum ist das mit der Geschlechtserkennung zweischneidig. So eine neue Methode darf uns nicht den Blick verstellen dafür, dass wir eine Wende in der Tierhaltung brauchen: echten Tierschutz für Geflügel, aber auch für Schweine, Rinder und alle anderen Nutztiere.

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