Folgen

  • Die Idee zu dieser Episode ist mir gekommen, als mir ein altes Buch von Bertrand Russell in die Hände gefallen ist: Marriage and Morals. Ein heute (wie sich herausstellen wird zum Glück) recht unbekanntes Werk von ihm.

    Bertrand Russell war ein Philosoph, Logiker und public intellectual, den ich sehr schätze. Er ist 1872 geboren und 1970 gestorben, war einer der führenden Wissenschafter, Philosophen und Intellektuellen seiner Zeit. Ein Mensch, der in seinen Handlungen über seine Lebenszeit offensichtlich versucht hat die Gesellschaft in eine positive Richtung weiterzuentwickeln.

    Er befürwortete früh im 20. Jahrhundert das Frauenwahlrecht, wurde zweimal für seine Friedensbemühungen inhaftiert, war Atheist und unterstützte linke Ideen, obwohl er selbst einem alten Adelsgeschlecht entstammte.

    Viele seiner Bücher sind bis heute – aus gutem Grund – gerne gelesen.

    So ist die Auseinandersetzung (für mich) mit Marriage and Morals alles andere als einfach. In dieser Episode beschränkte ich mich auf ein Kapitel aus diesem Buch, das sich mit Eugenik beschäftigt. Unter Eugenik versteht man im weiten Sinne die Anwendung technischer oder politische Mittel oder Maßnahmen, mit dem Ziel, die Anteil vermeintlich positiver Erbanlagen in der Bevölkerung zu verbessern. Im Deutschen ist ein Begriff der NS-Zeit, die sogenannte Rassenhygiene, sehr eng damit verwandt.

    Russell äußert in diesem Kapitel Ansichten, die – wie in der Episode diskutiert wird – mit einem heutigen Blick auf die Welt in keiner Weise mehr vereinbar sind.

    Gerade darum war diese Auseinandersetzung für mich so lehrreich: Wie kann es sein, dass einer der führenden Intellektuellen seiner Zeit auf solche gedanklichen Abwege kommt? Was bedeutet dies über die Dinge die ich oder andere Menschen in der heutigen Zeit vertreten?

    Russel war nicht der erste und wird nicht der letzte Intellektuelle bleiben, der sich in einem Thema verirrt. So schreibt etwa Karl Popper über Platon:

    »Er war ein großer Philosoph. Er hat die Philosophie begründet und hat viele großartige Ideen gehabt. Aber ich habe versucht zu zeigen, daß ein großer Philosoph auch sehr schlimme Dinge vertreten kann. In einer Zeit, die eine Aufklärungszeit war, in der andere Denker gegen die Sklaverei waren, schrieb Platon wie ein arroganter Sklavenhalter und trat für die Sklaverei ein.«

    Zunächst versuche ich in dieser Episode einen Schritt zurück zu machen und den Kontext der Zeit, das Verständnis von Eugenik kurz darzustellen. Menschen sind immer auch Kinder ihrer Zeit – welche Rolle spielt das in ihrem Denken? Dann kehren wir zu Russel und auch in die heutige Zeit zurück: Wie sollen wir Menschen der Vergangenheit beurteilen? Menschen, mit denen wir heute (intellektuelle oder politische) Konflikte haben? Dürfen wir Menschen verurteilen, die sich »Ausrutscher« erlaubt haben? Unter welchen Umständen?

    »Wer Eindeutigkeit erstrebt, wird darauf beharren, dass es stets nur eine einzige Wahrheit geben kann und dass diese Wahrheit auch eindeutig erkennbar ist.«, Thomas Bauer

    Ich denke, dass wir wesentlich mehr intellektuelle Bescheidenheit fordern müssen, sowohl in dem was wir behaupten, aber auch in dem was wir kritisieren.

    Dies ist eine für mich schwierig zu verdauende Folge. Ich hoffe, es ist mir gelungen diesen Themenbereich angemessen zu diskutieren. Ich freue mich daher gerade bei dieser Episode ganz besonders auf Feedback und Kritik.

    »Wir dürfen nie vorgeben zu wissen, und dürfen nie große Worte gebrauchen«, Karl Popper

    Referenzen

    Bertrand Russel

    Bertrand Russell: Biographie in der Encyclopedia BritannicaBertrand Russell in der Stanford Encyclopedia of PhilosophyDas Russell-Einstein Manifest

    Bücher von Bertrand Russel

    Eroberung des Glücks: Neue Wege zu einer besseren LebensgestaltungLob des MüßiggangsWarum ich kein Christ binPhilosophie des AbendlandesMarriage and Morals, H. Liverlight (1929)

    fachliche Referenzen

    Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre, dtv (2016)Richard David Precht, Sei du selbst, Goldmann (2019)Karl Popper, Ich weiß, dass ich nichts weiß, und kaum das, UllsteinKarl Popper, Auf der Suche nach einer besseren Welt, Piper (2009)Thomas Bauer, Vereindeutigung der Welt, Reclam (2018)
  • In Episode 31 habe ich mich mit Tom Konrad über die Rolle von Software in der modernen Gesellschaft ausgetauscht. Diese Episode hat zahlreiche Dinge angesprochen, aber auch noch viele Aspekte offen gelassen. Daher freue ich mich, dass Philipp Reisinger in dieser zweiten Episode in diesem Themenbereich zur Verfügung gestanden ist.

    Philipp ist bei SBA-Research Experte für organisatorische Informationssicherheitsberatung, hält Zertifizierungs-Vorbereitungs-Trainings und ist Lektor an der FH St. Pölten.

    Wir sprechen in dieser Episode über die Auswirkung von Software-Fehlern – warum sich die virtuelle Welt hier völlig anders verhält als die physische Welt. Wir führen dann den Begriff der Software-Nachhaltigkeit ein, und diskutieren die ungleiche Verteilung von Nutzen und Schaden wenn elementare Prinzipien der Nachhaltigkeit nicht erfüllt werden.

    Wir sprechen über zahlreiche negative Beispiele mangelnder Qualität und Nachhaltigkeit wesentlicher digitaler Infrastruktur, von Flugzeugabstürzen, digitaler Übernahme von Autos während der Fahrt, Manipulation von Wahlen durch Wahlcomputer und den massiven Hack von US-Infrastruktur (»Solar Winds«).

    XKCD: Voting Software

    Software und Digitalisierung sind heute Tagesthemen, aber auf welchen Prämissen beruht dieser Drang zur Digitalisierung aller Lebensbereiche? Wer gewinnt, wer verliert? Sollten wir Digitalisierung neu denken? Kann Lean Digitisation eine Alternative sein? Sollten wir bestimmte Lebensbereiche oder Industriefelder bewusst nicht Digitalisieren und analog betreiben?

    Werden wir angesichts des großen Ungleichgewichts zwischen einzelnen Großunternehmen, die von der Digitalisierung gewinnen und den Kosten, die vielfach die Gesellschaft trägt ohne signifikante Regulierung auskommen? Erste Schritte gibt es bereits mit der Datenschutzgrundverordnung sowie der NIS-Richtlinie. Aber welche Risiken sind mit Regulierung verbunden?

    Referenzen

    Philipp Reisinger

    Philipp Reisinger / SBA-ResearchPhilipp Reisinger / FH-St. Pölten

    Andere Episoden

    Episode 19 und Episode 20: Offene Systeme: Gespräch mit Lukas Lang und Christoph DerndorferEpisode 24: Hangover: Was wir vom Internet erwartet und was wir bekommen haben – Gespräch mit Peter PurgathoferEpisode 30: Techno-Optimismus – ein Gespräch mit Tim PritloveEpisode 31: Software in der modernen Gesellschaft – Gespräch mit Tom KonradEpisode 35: Innovation oder: Alle Existenz ist Wartung

    Fachliche Referenzen

    Security in the real and virtual world (Presentation by Philipp Reisinger)Boeing 737 Max MCAS Risiken Automatisierung im FlugverkehrVideo Jeep HackArtikel Jeep HackTesla Flotten HackLangsames Patchen von Software Problemen am Beispiel Microsoft ExchangeAWS Ausfall beeinträchtigt IOT 2017AWS Ausfall beeinträchtigt IOT 2020USA Gesetzesvorschlag analoge Steuerung KraftwerkeSolarwinds Hack und ökonomische Fehlanreize Information Security Economics und Informations SammlungGoogle Building Secure & Reliable Systems Initial vs. Sustained VelocitySecurity in the real and virtual worldMaersk Not Petya AngriffMissbrauch Aufzeichnung von Überwachungskameras durch ServicetechnikerGeplante Obsolenz IOTWahlcomputer Paper Ballot und Schneier BlogWahlsoftware Schwachstelle SchweizNavy baut Touchscreens wegen Unfallgefahr ausF-35 Touchscreen führt zu FehleingabenTouchscreens als Sicherheitsrisiko im AutoProdukthaftung für SoftwareschwachstellenArgumentation für mehr Regulierung bezüglich Software SicherheitEU Richtlinie zur Wartung digitaler Güter (Update Pflicht)Akerlof Siprale Verdrängung guter/qualitativer Anbieter aus einem Markt The long shadow of innovation, or: Lean digitisation and the car
  • Fehlende Folgen?

    Hier klicken, um den Feed zu aktualisieren.

  • »Follow the science«, also »Folge der Wissenschaft« ist das Motto oder die Forderung vieler Umweltbewegungen aber auch zunehmend politischer Akteure.

    Was ist von dem Slogan zu halten? Was könnte falsch daran sein, den Erkenntnissen der Wissenschaft zu folgen? Bei genauerer Betrachtung stellt sich die Sache leider (wie so häufig) etwas komplexer dar.

    Diese Frage öffnet drei grundsätzliche Ebenen:

    In welchem Umfang können wir Wissenschaft und Erkenntnis vertrauen? Denn Follow the Science setzt natürlich hohe Ansprüche an die Qualität des Wissens.Gibt es in komplexen Systemen überhaupt eine klare Beschreibung von Problemen und Lösungen? Oder ist schon diese Betrachtung problematisch?Selbst wenn wir diese ersten beiden (schwerwiegenden) Aspekte einmal ignorieren, stellen wir fest, dass es dennoch sehr fundamentale Gründe gibt, warum follow the science in der naiven Form kaum haltbar ist.

    In dieser Episode geht es daher alleine um den dritten Aspekt. Die ersten beiden Aspekte wurden in anderen Episoden bereits diskutiert (s.u.).

    Anhand von vier Gedankenexperimenten wird die Problemlage deutlich gemacht:

    Welche Rolle spielt die Wissenschaft in der Entscheidungsfindung?Kann aus wissenschaftlicher Erkenntnis unmittelbar Aktivitäten abgeleitet werden?Wie ist das Zusammenspiel von ethischer Bewertung, gesellschaftlichen Werten und naturwissenschaftlicher Erkenntnis?

    In dieser Episode gilt ganz besonders: Teilen Sie Ihre Überlegungen mit mir!

    Referenzen

    Andere Episoden: (1) Welcher Erkenntnis können wir trauen

    Episode 13 und Episode 14: (Pseudo)wissenschaft? Welcher Aussage können wir trauen? Teil 1 & 2Episode 11: Ethik, oder: Warum wir Wissenschaft nicht den Wissenschaftern überlassen sollten!

    Andere Episoden: (2) Probleme und Lösungen

    Episode 6: Messen was messbar ist – über die Idee aus Messbarkeit heraus die Welt zu begreifenEpisode 10: Komplizierte KomplexitätEpisode 27: Wicked ProblemsEpisode 25: Entscheiden unter UnsicherheitEpisode 37: Probleme und Lösungen

    Fachliche Referenzen

    Margaret Heffernan, Uncharted: How to Map the Future. Simon & Schuster UK (2020)Roman Krznaric, The Good Ancestor, WH Allen; 1. Edition (2020)Peter Singer, Drowning Child ExperimentMax Weber, Die »Objektivität« sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis (1904)Richard David Precht, Sei du selbst, Goldmann (2019)
  • In dieser Episode frage ich Prof. Michael Hartmann über die Rolle der Eliten in unserer Gesellschaft: wer sind die Machteliten, welche Rolle spielen sie für unsre Zukunft.

    Prof. Hartmann gilt als einer der führenden Soziologen und Elite-Forscher Deutschlands, geboren 1952 und seit einigen Jahren pensioniert.

    Er ist eher »zufällig« in die Elitenforschung gekommen: zunächst beschäftigte er sich mit Juristen, einer traditionell konservativen Berufsgruppe und stellt eine hohe Kohärenz in den dortigen Eliten fest. Er wechselte dann den Blick hin zu Informatikern – das war die jüngste und dynamischste Gruppe –, aber am Bild änderte sich nichts. Sein Interesse war geweckt und die systematische Elite-Forschung begann somit in den 1980er Jahren und streckt sich über die nächsten Jahrzehnte.

    Wir sprechen über den Begriff der Elite, der zunächst als Widerstand der Leistungs-Eliten gegen den Adel zu verstehen war und die dann wechselhafte Verwendung des Begriffes über das 20. Jahrhundert hinweg. Mit 2008 (und der Finanzkrise) spricht man in der Öffentlichkeit nicht mehr so gerne von »Eliten«, wenngleich sich an deren Einfluss wenig verändert hat.

    Wenn sich am Einfluss wenig verändert hat: ist Elite mit Demokratie vereinbar? Entscheidungen müssen ja in Gesellschaften und Unternehmen getroffen werden. Wie kann man das Selbstverständnis der Eliten beschreiben?

    Provokant gefragt: was spricht gegen Eliten, die sich aus sich selbst heraus rekrutieren? Wenn sie gut gebildet, erzogen und erfolgreich sind, ist das doch gut für alle – eine Theorie, die in den 1980er und 1990er Jahren auch als Trickle Down Effekt bezeichnet wurde.

    Interessant ist, dass die Jobs, die viel Geld verdienen und als Elite-Jobs gelten fast alle in die Kategorie von Bullshit Jobs (nach David Graeber) fallen, trifft dies zu?

    Oft wird beobachtet, dass sich Eliten untereinander am Habitus erkennen. Was ist der Unterschied im Habitus zwischen Bürgerkindern und den »unteren« Schichten? Trägt der Manager den Anzug oder der Anzug den Manager?

    Gelten die Führungspositionen in den Legacy-Medien auch als Elite? Welche Rolle spielen diese Medien in der Selektion, Stützung oder auch dem Sturz von Eliten?

    Welche Rolle spielt Introvertiertheit gegenüber Extrovertiertheit? (Der Name, der uns beiden in der Episode nicht eingefallen ist war natürlich Steve Wozniack, der Apple-Gründungspartner von Steve Jobs.)

    Interessant ist es auch, dass gesellschaftliche Ziele auch miteinander in Konflikt stehen können, so etwa das Bestreben eine höhere Chancengerechtigkeit für Frauen in Führungspositionen herzustellen gegenüber dem Ziel einer größeren Durchlässigkeit für untere gesellschaftliche Schichten.

    Weiters sprechen wir über Eliten und die immer genormteren Lebensläufe in der Wissenschaft und welche Rolle das für Forschung und Innovation bedeutet.

    In der Wissenschaft sind kosmopolitische Lebensläufe seit langem üblich, aber wie sieht es in der Wirtschaft und Politik aus? Oftmals wird ja die hohe internationale Konkurrenz als Grund für die Notwendigkeit extrem hoher Gehälter genannt. Wie sieht es in unterschiedlichen Sektoren aus? Wirtschaft, Politik, Verwaltung? Apropos Rechtfertigung hoher Gehälter: wie verhält es sich mit den vermeintlich großen persönlichen Risiken von Spitzenmanagern?

    Wo stehen wir heute und wie sieht die Situation in die Zukunft gedacht aus? Beschädigen die (aktuellen) Eliten die Demokratie und damit auch unsere Chancen für die Zukunft?

    Referenzen

    Andere Episoden

    Episode 28: Jochen Hörisch: Für eine (denk)anstössige Universität!

    Fachliche Referenzen

    Prof. Michael Hartmann am Institut für Soziologie der TU-DarmstadtMichael Hartmann, Die Abgehobenen: Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Campus (2018)David Graeber, Bullshit Jobs, Penguin (2019)Susan Cain, Quiet: The Power of Introverts in a World That Can't Stop Talking, Penguin (2012)
  • Wir sprechen sehr gerne von Problemen in Politik, Wirtschaft, Organisationen usw. Dabei wird meist impliziert, dass es für diese Probleme »eine Lösung« gibt. Es wird gefordert, »das Problem« endlich »zu lösen!« mit Ausrufungszeichen, so als ob jeder überdasselbe Problem,dieselbe Lösung spricht undjeder wüsste und übereinstimmt, wie man vom einem zum anderen gelangt

    Sprache und Rhetorik bestimmt auch unser Handeln. In dieser Episode spreche ich über verschiedene Arten von Problemen, und wie diese unterschiedliche Zugänge verlangen. Am Beispiel des Problemschachs wird die einfachste Art von Problemen erklärt.

    Thomas Taverner 1889: Weiß setzt Schwarz in zwei Zügen Matt

    Wir werden dann aber feststellen, dass fast alle Probleme, die uns im Leben und der Welt begegnen, gerade nicht in diese Kategorie fallen – schon auf die »normale« Schachpartie trifft dies nicht mehr zu.

    Probleme in der Welt sind häufig Wicked Problems. Probleme, die sich schwer fassen lassen, die keine klare Lösung und kein klares Ziel haben. Probleme, die sich auch nicht leicht reproduzieren oder studieren lassen.

    Wie gehen wir damit um? Sollten wir uns von Wunschdenken und Wunschvorstellungen lösen und in manchen Bereichen auch die Erkenntnis annehmen, dass wir von Problemen umgeben sind, die wir nicht, oder nicht mehr lösen können? Dazu zählt wohl auch die Klimakrise.

    »Wenn man sagt, es ist ein Wettlauf mit der Zeit (wir haben noch diese drei Jahre...), dann werden wir diesen Wettlauf verlieren«, Wolfram Eilenberger

    Was können wir angesichts solcher, auch existentieller Probleme überhaupt erwarten? Schuldzuweisungen? Können wir in eine erwachsene Diskussion kommen? Wollen wir evolutionäre Transformationsprozesse oder Revolutionen? Was ist die Rolle von Generalisten? Und der Umgang mit dem Scheitern?

    »Die rettende Idee besteht schlicht darin, dafür zu sorgen, dass die menschlichen und Berechnungsfehler beschränkt bleiben, und zu verhindern, dass sie sich im System ausbreiten«, Nassim Taleb

    Referenzen

    Andere Episoden

    Episode 10: Komplizierte KomplexitätEpisode 25: Entscheiden unter UnsicherheitEpisode 27: Wicked ProblemsEpisode 28: Jochen Hörisch: Für eine (denk)anstössige Universität!

    Fachliche Referenzen

    Jung und Naiv Folge 467 mit Wolfram Eilenberger (20.9.2020)‘A cat in hell’s chance’ – why we’re losing the battle to keep global warming below 2C, The Guardian (19.1.2017)Nassim Taleb, Der schwarze Schwan, Konsequenzen aus der KriseKenneth Stanley, Why Greatness Cannot be Planned – The Myth of the Objective (Sep. 2015)
  • Die Notwendigkeit unsere Gesellschaft zu dekarbonisieren um Klima- und auch Biodiversitätskrise zu bekämpfen, macht auch in Corona-Zeiten keine Pause.

    In dieser Episode spreche ich mit Dr. Anna Veronika Wendland.

    Dr. Wendland ist Osteuropa- und Technikhistorikerin, Projektleiterin im Sonderforschungbereich „Dynamiken der Sicherheit“ (Marburg / Gießen). Derzeitige Forschungsschwerpunkte sind komparative Umwelt- und Technikgeschichte, Reaktorsicherheit, industrielle Anthropologie, kerntechnische Arbeitswelten und Ingenieurskulturen in Osteuropa und Deutschland.

    1989 hat sie ein abenteuerliches Forschungsjahr in der Ukraine – als Atomkraftgegnerin – mit der Bewältigung der Tschernobyl-Katastrophe verbracht. Dem folgen weitere Forschungsprojekte über viele Jahre als Langzeit-Beobachterin in Kernkraftwerken in Osteuropa und Deutschland.

    Blick aus dem IT-Büro auf das Atomkraftwerk Rivne, ca. 1982, Foto: Nadija Tymofejenko, Rivnenska Atomna Elektrychna Stantsiia, Varash, Ukraine

    Sie navigiert zwischen den Polen einer »klassischen« Zeithistorikerin mit einer Fülle an Quellen und der Tatsache, dass die Kernkraftwerke als Orte aber abgeschottet und schwer zugänglich sind. Es gibt wenig Fachliteratur, vor allem in Bezug auf die realen Prozesse und menschliche Seite der Interaktion zwischen Menschen und (Kerntechnik-) Maschinen. Industrielle Anthropologie in diesem Bereich ist daher sehr schwierig und aufwändig.

    In der heutigen Wissenschaftslandschaft ist es äußerst schwierig sich finanziell für solche lange und interdisziplinäre Forschung über Wasser zu halten. Daher sind derartige Projekte – so wichtig sie sind – mit der heutigen »Bologna-Universität« und Uni-Richtlinien kaum vereinbar.

    Diese Geschichte der (osteuropäischen) Kerntechnik führt zu ihrer Habilitatiionschrift: Kernenergie als Moderne-Phänomen.

    Im Juli 2020 hat Dr. Wendland gemeinsam mit dem Nuklearsicherheitsexperten Rainer Moormann, der als Kritiker der Atomindustrie bekannt wurde, ein vielbeachtetes Memorandum veröffentlicht, in dem die Autoren zur schnelleren Erreichung der deutschen Klimaziele fordern, den Atomausstieg zugunsten eines schnelleren Kohleausstiegs auszusetzen.

    In dieser Episode sprechen wir über die Energiewende und ob wir noch in der Lage sind, wichtige und komplexe Probleme der Zeit in der Gesellschaft rational zu diskutieren. Sind Kernkraftwerke wirklich – wie so oft in Deutschland und Österreich behauptet – gefährliche Technik der Vergangenheit oder können sie eine wichtige Komponente einer zukünftigen (global) dekarbonisierten Energieerzeugung darstellen?

    Dr. Wendland spricht über Risiken und Chancen, gesellschaftliche und mediale Phänomene, die diese Frage begleiten. Wir erleben etwa häufig Diskurs der über Angst geführt wird. Welche Folgen hat dies? Wir diskutieren verschiedene Arten von Risiken – systemische und lokale – für die unterschiedlichen Arten der Energiebereitstellung. Welche Rolle spielt NIMBY (not in my backyard), das Vertrauen und Misstrauen der Öffentlichkeit gegen Wissenschaft und Industrie und die Frage, welche Rolle Subventionen und Regulierungen spielen (können und sollen).

    Referenzen

    Andere Episoden

    Episode 25: Entscheiden unter UnsicherheitEpisode 27: Wicked ProblemsEpisode 28: Jochen Hörisch: Für eine (denk)anstössige UniversitätEpisode 32: Überleben in der DatenflutEpisode 22: Biodiversität, Gespräch mit Prof. EsslEpisode 33: Naturschutz im Anthropozän, Gespräch mit Prof. Zachos

    Dr. Wendland

    Rainer Moormann, Anna Veronika Wendland, Stoppt den Atomausstieg, Die Zeit (2020)Stellt euch vor, es ist Klimanotstand, und das kleinere Übel heißt Braunkohle (25.09. 2020)Kerntechnische Moderne. Atomstädte, nukleare Arbeitswelten und Reaktorsicherheit in Ostund Westeuropa, 1966-2020 (abgeschlossen, Titel siehe PDF) Habilitationsschrift, WS 2020/21, Universität Marburg. Peer Riews and the Making of Transnational Nuclear Safety, PI deliverable for the DFG Collaborative Research Centre "SFB/TRR 138: Dynamics of Security. Types of Securitization from a Historical Perspective", Phase II, 2018-2021, Project C01/2 “Nuclear Governance beyond the National State/ Nukleares Regieren jenseits des Nationalstaats”, 2018-2021“Reaktorbegrenzungen als public technology”, Aufsatzprojekt über die leittechnischen Spezifika von KWU-Anlagen vor dem Hintergrund von Reaktorsicherheitsdebatten in der Bundesrepublik Deutschland, ab 2020Die technischen Kapitel ihrer Habilitationsschrift beruhen zu großen Teilen auf den methodischen Ansätzen der Industrial Anthropology und der Technographie (nach W. Rammert).

    Fachliche Referenzen

    Greenpeace Proteste gegen die »Industrialisierung der Landschaft« durch ein Solarkraftwerk in Kent, England, Independent Artikel (2020)(2020) Ukrainian Memory Spaces and Nuclear Technology. The Musealisation of Chornobyl’s Disaster, in: Technology and Culture 61 (2020), October 2020, 1162-1177 (2020) Das CO2-arme Stahlwerk und seine Stromversorgung, in: stahl + eisen Nr. 3 (2020), 16-18(2019/20) Nuclearizing Ukraine – Ukrainizing the Atom. Soviet nuclear technopolitics, crisis, and resilience at the imperial periphery, in: Cahiers du Monde Russe 60 (2019), Nr. 2-3, 335-367(2019) Das “Teuer-und-gefährlich”-Papier des DIW zur Kernenergie auf dem Prüfstand, in: atw – International Journal for Nuclear Power 64 (2019), Nr. 10/11, 469-479 (mit Björn Peters)(2019) Modernity in the Marshlands: Interventions and Transformations at the European Periphery from the Nineteenth to the Twenty-first Century. Introduction, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung / Journal of East Central European Studies 68 (2019), H. 3, 319-343 (mit D. Siebert, T. Bohn)(2018) Reaktorsicherheit als Zukunftskommunikation. Nuklearpolitik, Atomdebatten und kerntechnische Entwicklungen in Westdeutschland und Osteuropa 1970-2015, in: Christoph Kampmann / Angela Marciniak / Wencke Meteling, „Security turns its eye exclusively to the future“. Zum Verhältnis von Sicherheit und Zukunft in der Geschichte, Baden-Baden 2018 , 305-352(2017) Technosoziale Realitäten und kerntechnisches Tabu: Überlegungen zu einer Revision der Energiewende, in: Michael Beckmann /Antonio Hurtado (Hrsg.), Kraftwerkstechnik 2017. Strategien, Anlagentechnik und Betrieb, Freiberg 2017, 61-78(2017) Negotiating Nuclear Security under Social Stress: On-site Participant Observations on Human and Organizational Factors in Nuclear Facilities of the Global North, in: Proceedings of the IAEA Nuclear Security Conference 2016, Vienna 2017 (CD-ROM) (2017) Tracing the Tacit Meanings of Nuclear Things, in: Felix Ackermann, Benjamin Cope & Siarhei Liubimau (Eds.), Mapping Visaginas. Sources of urbanity in a former mono-functional town, Vilnius 2017,119-123(2017) (mit V. Brinks und O. Ibert) Beratung unter Stress: Experten in und für Krisen. Leibniz-Forschungsverbund "Krisen einer globalisierten Welt", Working Papers No. 2, April 2017(2016) Tschernobyl: (K)eine Visuelle Geschichte. Nukleare Bilderwelten in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, in: Melanie Arndt (Hrsg.) Politik und Gesellschaft nach Tschernobyl, Berlin 2016, 182-210(2015) Inventing the Atomograd. Nuclear Urbanism as a Way of Life in Eastern Europe, 1970-2011, in: Thomas Bohn, Thomas Feldhoff Lisette Gebhardt, Arndt Graf (Eds), The Impact of Disaster: Social and Cultural Approaches to Fukushima and Chernobyl", Berlin 2015, 261-287(2014) Wissensformen der Kerntechnik im transnationalen Vergleich, in: Ferrum 86 (2014), 57-65 Negotiating Nuclear Security under Social Stress: On-site Participant Observations on Human and Organizational Factors in Nuclear Facilities of the Global North, IAEA Full Paper CN-244-065, IAEA International Conference on Nuclear Security: Commitment and Actions, Vienna 2016 (2014) Atomwirtschaft und Reaktorsicherheit in der Bundesrepublik. Sammelrezension zu: Laufs, Paul: Reaktorsicherheit für Leistungskernkraftwerke. Die Entwicklung im politischen und technischen Umfeld der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 2013 / Radkau, Joachim; Hahn, Lothar: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft, München 2013, in: H-Soz-Kult, 03.11.2014 (2014) Wissensformen der Kerntechnik im transnationalen Vergleich, in: Ferrum 86 (2014) S. 57-65
  • »Most work is keeping things the same«, David Graeber

    Kann nur Innovation unsere Zukunft sichern, oder leben wir gar im Innovations-Wahn?

    »Wir springen von einer Klippe und erst auf dem Weg nach unten bauen wir unsere Flügel«, Ray Bradbury

    Das scheint in vielerlei Hinsicht die Strategie unserer Gesellschaft zu sein, aber ist das eine kluge Strategie, die wir weiterführen sollten? Welche Technologie ist eigentlich relevant für uns? Wer entscheidet dies? Wer hat welche Interessen? Wie spielen alte und neue Technologien zusammen?

    Silicon Valley Speak erklärt im wesentlichen IKT zur Technologie, aber das ist nur ein sehr kleiner Teil des Bildes. Was nehmen wir eigentlich als Technologie wahr?

    »Der Faszination des Neuen folgt in der Regel die Phase der Gewöhnung, die so weit geht, dass wir das Technische gar nicht mehr als das Technische wahrnehmen«, Klaus Kornwachs

    Wir sind abhängig von lebenswichtiger technischer Infrastruktur und diese ist im ständigen Kampf gegen die Entropie.

    Alles ist Wartung:

    »Everything, without exception requires additional energy and order to maintain itself. Existence, it seems, is chiefly maintenance«, Kevin Kelly

    Je komplexer wir aber unsere Infrastruktur machen, desto aufwändiger wird die Wartung. Innovation, im besonderen auch Digitalisierung, erschein vielleicht nicht teuer in der Anschaffung, aber haben wir bedacht, dass sie unsere bestehenden Systeme viel komplexer macht und wir diese Komplexität über Jahrzehnte warten müssen?

    Wartung ist das Fundament von Fortschritt und Innovation und die Voraussetzung für gesellschaftliche Agilität. Gleichzeitig sind Wartung und Nachhaltigkeit auch zwei Seiten derselben Medaille.

    Wem nützt der aktuellen Angst-machenden »Innovation Speak«: Innovieren oder Verlieren; Disruption oder abgehängt werden; move fast and break things. Wirklich? Cui bono? Wem nützt das? Was ist für die Gesellschaft wirklich von Bedeutung?

    Was bedeuten diese Überlegungen für unser Schul- und Bildungssystem, für Universitäten und Forschung? Gibt es eine »STEM-Crisis« und brauchen wir daher wirklich mehr Akademiker?

    Anhand einiger Beispiele wie der Hyperloop, Wifi und Ladegeräte in New Yorks Bussen, Digitalisierung in Schulen, Green New Deal und Energiewende zeigen sich fragwürdige Formen von Innovation, die Wartung und sinnvolle Investition kaum erfüllen.

    “Der Gedanke, dass Schulen auch Schutzräume darstellen können, die sich bewusst auf wesentliche Fragen, Probleme und Inhalte konzentrieren und sich gegenüber den Zumutungen einer hysterisierten Öffentlichkeit auch abschotten können, ist uns sehr, sehr fremd geworden.”, K. P. Liessmann

    Wir leben – und auch aus dieser Perspektive kann man das Thema betrachten – in einer Wegwerfgesellschaft. Wartung spielt häufig keine Rolle. Ein kompliziertes Gerät funktioniert nicht mehr. Wegwerfen! Neu kaufen! Geplante Obsoleszenz wird zum Standard der Wirtschaftspraxis. Das ist ökologisch ein wirkliches Problem, aber was macht das mit uns Menschen?

    Was können und sollen wir tun, wie kommen wir voran? Wie erzielen wir inklusiven Fortschritt? Was ist ein gutes Produkt und was bedeutet dies für die Wertschöpfung? Ist dieser Themenbereich politisch umstritten oder vielleicht gar konsens-fähig? Packen wir es an:

    »Take care, pay attention, do your job«, Lee Vinsel

    Referenzen

    Andere Episoden

    Episode 15: Innovation oder Fortschritt?Episode 16: Innovation und Fortschritt oder Stagnation?Episode 18: Physik, Fortschritt oder Stagnation: Gespräch mit Andreas WindischEpisode 19: Offene Systeme – Teil 1Episode 20: Offene Systeme – Teil 2Episode 30: (Techno-)Optimismus: Ein Gespräch mit Tim PritloveEpisode 31: Software in der modernen Gesellschaft – Ein Gespräch mit Tom Konrad

    Fachliche Referenzen

    David Graeber, Bullshit Jobs, Penguin (2019)Lee Vinsel, The Innovation Delusion, Currency (2020)Kevin Kelly, The Inevitable: Understanding the 12 Technological Forces That Will Shape Our Future, Penguin (2017)TED-Talk: Robert Gordon, The death of innovation, the end of growth (2013)Klaus Kornwachs, Philosophie der Technik, C.H.Beck Wissen (2013)Robert Charette, The STEM crisis is a myth, IEEE Spectrum (2013)Julian Nida-Rümelin: Gefährdet der Akademisierungswahn die berufliche Bildung? (2016)Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung: Eine Streitschrift, Piper (2016)
  • Bei der Übersetzungsbewegung handelt es sich um – wie man heute sagen würde – um wissenschaftlichen Austausch der über Jahrhunderte gewirkt hat, mit dem Epizentrum im persischen und arabischen Raum um das Jahr 1.000. Die Wirkungen dieser Bewegung reichten von Griechenland über die islamische Kultur nach Asien, Afrika und eben über die iberische Halbinsel nach Mitteleuropa.

    Dieses Thema ist für den Podcast relevant, weil es uns hilft, ein Verständnis wesentlicher historischer Zusammenhänge an der Schnittstelle von Wissen, Gesellschaft und Politik zu bekommen, die in die Zukunft wirken.

    Ich freue mich auch in dieser Episode wieder einen äußerst kompetenten Gesprächspartnern gewinnen zu können: Rüdiger Lohlker, Professor für Islamwissenschaften. Er war unter anderem an der Univ. Göttingen, Kiel und Giessen tätig und arbeitet nun an der Universität Wien am Institut für Orientalistik. Seine Forschungsinteressen liegen im Islam in der Gegenwart, der arabischen und islamischen Welt online, Sufismus und Medical Humanities. Dabei handelt es sich um ein interdisziplinäres Feld an der Schnittstelle zwischen Medizin und Geisteswissenschaft. Er forscht aber auch zu Themen wie Jihadismus und Salafismus.

    In dieser Episode diskutieren wir also zahlreiche Fragen mit weitreichender Wirkung, etwa: Warum ist es im 8. bis 10. Jahrhundert überhaupt zu einem solchen Aufschwung der Naturphilosophie und Medizin und der Übersetzungsbewegung gekommen? Was ist die Rolle von Universalgelehrten und Generalisten? Wie ist das Zusammenspiel zwischen der Administration eines Großreiches (oder allgemeiner der Politik), der Urbanisierung und der Wissenschaft (wie wir es heute nennen würden)? Wie finanziert sich die »Wissenschaft« der Zeit? Herrscht im islamischen Mittelalter mehr Ambiguität vor? Wie lassen sich verschiedene Lebensentwürfe und Religionen vereinbaren? Warum war die islamische Kultur und Wissenschaft der Zeit der europäischen deutlich überlegen? Wie verschieben sich Schwerpunkte des Wissens und Wissenskulturen, welche Rolle spielen dabei Kooperation und Konkurrenz und was können wir wir für die heutige Zeit und die Zukunft lernen?

    Nicht zuletzt wird das Gespräch sich auch (vielleicht etwas überraschend) mit Piraten beschäftigen.

    Wir sprechen auch beispielhaft über wesentliche Gelehrte und Herrscher der Zeit und deren Wirkungskreise wie unter anderem

    Al-Maʾmūnibn Sina (Avicenna)al BiruniNasir ad-Din at-TusiAl Hazen

    Nasir al-Din al-Tusi im Observatorium in Maragha, Persien (Britisch Library, Wikimedia commons)

    Referenzen

    Andere Episoden

    Episode 17: KooperationEpisode 28: Jochen Hörisch: Für eine (denk)anstössige Universität!

    Prof. Rüdiger Lohlker

    Prof. Lohlker (Uni-Wien)Lebenslauf und Publikationen

    Fachliche Referenzen

    Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt, Reclam (2018)Gotthart Strohmaier, Avicenna, C.H. Beck (2017)Ulrich Rudolph, Islamische Philosophie, C.H. Beck (2018)Georg Bossong, Das Maurische Spanien, C.H. Beck (2016)Ramon LlullGerhard von CremonaIbn Sina (Avicenna)Al-Biruni (BBC – In Our Time)Nasir al-Din al-TusiDie Dynamische Interpretation der Himmelsscheibe von Nebra, mit Erklärung des Tusi-Paars, Sternwarte RecklinghausenAlhazen (Abu Ali al-Hasan ibn al-Haitham)Uwe Springfeld, Das Mekka der Naturwissenschaften, SWR2 Wissen, 2. Jänner 2003 (Al Hazen)The instruments of Istanbul ObservatoryJonah Lehrer, A Physicist Solves the City, Artikel über Geoffrey West, New York Times, 17. Dez. 2010Muslim Heritage WebsiteNidhal Guessoum, Islam’s Quantum Question: Reconciling Muslim Tradition and Modern ScienceJanet Abu-Lughod, Before European Hegemony: The World System A.D. 1250-1350
  • »Anthropozän« bedeutet, dass der Mensch zur bestimmenden Kraft des Planeten geworden ist. Aus dieser Tatsache heraus folgt eine Verantwortung, die sich auch im Gedanken des Naturschutzes widerspiegelt.

    In dieser Episode führe ich ein Gespräch mit Prof. Frank Zachos, der ein Studium der Biologie, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte in Kiel und Jena absolviert hat und heute Leiter der Säugetiersammlung am Naturhistorischen Museum in Wien ist. Seine Forschungsinteressen sind im Bereich der Biodiversität, Evolution, Systematik und Taxonomie, wobei sein theoretisches Hauptinteresse beim Artproblem in der Biologie sowie dessen philosophischen Grundlagen und historischer Entwicklung liegt.

    Unser Gespräch findet im Naturhistorischen Museum in Wien statt, was ein perfektes Ambiente geboten hat um die Geschichte des Naturschutzes aber auch die Rolle von Museen in der Vergangenheit und Zukunft für Naturschutz und Wissenschaft zu diskutieren.

    »Die Wildnis sei deformiert. Obwohl Buffon ein Jahr vor der französischen Revolution starb, hielten sich seine Ansichten über die Neue Welt hartnäckig. […] Nur die kultivierte Natur sei schön, schrieb Buffon. Humboldt hingegen warnte, dass man begreifen müsse, wie die Kräfte der Natur wirkten, wie alle diese verschiedenen Fäden miteinander verknüpft seien.«, Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

    Wann haben wir als Menschen begonnen die Natur als »schützenswert« zu erkennen? Es gibt erste Bestrebungen die Natur systematisch zu schützen, etwa in Gran Paradiso–Italien. Allerdings war die Motivation, die Tiere für adelige Jagd zu erhalten. Später wurde daraus der Gran Paradiso Nationalpark. Auch die Nationalparks in den USA gelten als Beispiel.

    Was aber ist die Voraussetzung für das Verständnis von Biodiversität? Natürlich ein Begriff von Art, eine Aufteilung der lebendigen Welt. Wie hat sich dies über die menschliche Geschichte entwickelt? Wie funktioniert Taxonomie in der modernen Biologie? Erfassung und Klassifizierung der Lebewesen gilt heute als eine der Fundamental-Disziplinen der Biologie.

    Taxonomie hat unterschiedliche Ansätze, wir sprechen kurz über die Rolle von Morphologie vs. Genetik (auch mit einem Rückblick auf den wichtigen österr. Biologen Rupert Riedl), sowie Fortschritte der Technik sowohl im Bereich der Gen-Analyse wie aber auch in der Morphologie. Taxonomie hat aber auch Herausforderungen: sie ist ein diskretes Prinzip, Evolution aber ein kontinuierlicher Prozess. Man stülpt ein diskretes auf ein kontinuierliches Prinzip – da gibt es Reibungen. Was bedeutet dies und was sind die Konsequenzen?

    Verlassen wir dann die Vergangenheit: Gibt es eine Veränderung, wie »Naturschutz« gesehen und betrieben wird, vor allem in die Zukunft gedacht? Conservation Biology wurde zunächst im Deutschen als Artenschutz übersetzt, später aber Naturschutzbiologie genannt – es geht eben nicht nur um einzelne Arten.

    Naturschutz ist nicht nur im Kern ein biologisches Thema sondern hat natürlich Konsequenzen für Handel, Wirtschaft und zeigt auch durchaus überraschende rechtliche Folgen. Welche Rolle spielt also der Mensch im Naturschutz und wie sollten wir das Zusammenspiel Mensch/Natur in die Zukunft denken?

    Was ist etwa die Rolle unseres Lebensstils sowie der Größe der menschlichen Population? Die globale Mittelschicht ist verantwortlich für den Klimawandel, die Biodiversitätskrise und das Artensterben. Es gibt ca. seit 150 Jahren Nationalparks: in dieser Zeit ist die menschliche Population von 1 Milliarde Menschen auf 8 Milliarden Menschen angewachsen.

    »mit dem exponentiellen menschlichen Wachstum steigt auch der Verlust der Biodiversität«

    Welche Rolle spielen Museen und Zoos, auch im Zusammenspiel mit Universitäten und der interessierten Öffentlichkeit um diese Probleme zu thematisieren und besser zu verstehen?

    Dann diskutieren wir systemische und philosophische Aspekte. Wie nehmen wir Natur war und was hat das mit unserem Erkenntnisapparat zu tun? Ist die Klassifikation von Mustern tief in unseren Genen verankert und damit »Schubladendenken«? Auch philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts haben sich an diese Erkenntnisse angelehnt, so etwa die evolutionäre Erkenntnistheorie.

    Unser Erkenntnisapparat ist nicht evolviert um uns mit Quantenmechanik oder Mathematik auseinanderzusetzen. Außerdem und das hat auch fatale Konsequenzen – denken wir in Linearitäten. Das Exponentielle verstehen wir nicht. Die negativen Folgen sehen wir in unserer Wirtschafts- und Finanzpolitik, bei Pandemien und der Zerstörung unseres Lebensraumes.

    Wir sind also als Menschen »getuned« auf den Meso-Kosmos.

    »Die Selektion hat uns Anschauungsformen gemäß den Aufgaben in noch höchst einfachen Lebensbereichen eingebaut. Und mit Anschauungen von gestern unterwerfen wir uns eine Welt von morgen.«, Rupert Riedl

    Am Ende noch eine (nicht ganz ernstgemeinte) Frage über De-Extinction – wird Prof. Zachos den Dodo mit modernster Technik wieder ins Leben rufen? Die Antwort auf diese und alle anderen Fragen (und auch: warum die Adam und Eva oder die Arche Noah Idee in der Realität nicht funktioniert) im Gespräch.

    Welche Rolle »Nessie« übrigens in dieser ganzen Thematik spielt – erfahren Sie ebenfalls in der Episode!

    Referenzen

    Prof. Frank Zachos

    Prof. Zachos im Naturhistorischen Museum in Wien

    Andere Episoden

    Episode 21: Der Begriff der Natur – oder: Leben im AnthropozänEpisode 22: Biodiversität und komplexe Wechselwirkungen – Gespräch mit Prof. Franz Essl

    Fachliche Referenzen

    Frank Zachos, Species Concepts in Biology, Springer (2016)Frank Zachos, Jan Habel, Biodiversity Hotspots, Springer (2011)Stephen Garnett et al, Principles for creating a single authoritative list of the world’s species, PLOS Biology (2020)Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, C. Bertelsmann (2016)Gran Paradiso National ParkRupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)Peter Scott & Robert Rines, Naming the Loch Ness Monser, Nature (1975)California GnatcatcherRote ListeBiodiversitätsv-HotspotsCarl Zimmer, Frühwarnsysteme für bedrohte Welten, Spektrum der Wissenschaft, Dez. 2012
  • Wir leben in immer schnelleren Zeiten. Um hier nicht den Anschluss zu verlieren, müssen wir auch unsere Informationskanäle beschleunigen: Soziale Medien, Videos, Newsfeeds... Bücher sind da ein überflüssiger Anachronismus und haben im 21. Jahrhundert keinen Platz mehr.

    Oder doch?

    In dieser Episode provoziere ich wieder zum Widerspruch.

    Was sind Daten und was ist Information? Braucht man in einer (angeblich) schnellen Zeit wirklich schnellere Medien, oder ist die Krise in der wir stecken vielleicht eine Folge dieses Irrtums?

    Information ist »irgendein Unterschied, der bei einem späteren Ereignis einen Unterschied macht«, Gregory Bateson (zitiert aus K. P. Liessmann, Theorie der Unbildung)

    Was ist das Signal/Rausch-Verhältnis moderner Medien? Gibt es überhaupt News, und wenn ja, helfen uns diese weiter? Vermissen wir irgendetwas, oder ist fear of missing out schlicht eine Marketing-Strategie um uns Unsinn zu verkaufen und abhängig zu machen?

    Welche Rolle spielt das Buch in dieser Gemengelage und in welcher Form sollten wir es lesen?

    Referenzen

    Andere Episoden

    Episode 2: Was wissen wir?Episode 9: Abstraktion: Platos Idee, Kommunismus und die ZukunftEpisode 16: Innovation und Fortschritt oder Stagnation?

    Fachliche Referenzen

    Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung, Piper (2008)Douglas Rushkoff, Team Human (2019)Sherry Turkle, Alone Together, Basic Books (2017)Tristan Harris, How Technology is Hijacking Your Mind — from a Magician and Google Design EthicistThe Reading Brain in the Digital Age: The Science of Paper versus Screens, Scientific American (2013)Lisa Allcott, Reading on-screen vs reading in print: What's the difference for learning? (2019)Jill Barshay, Evidence increases for reading on paper instead of screens, Hechinger Report (2019)
  • Vor fast 10 Jahren hat der Slogan des IT-Unternehmers und Gründers von Netscape Marc Andreessen »Software isst die Welt« (»Software is eating the world«) seine Kreise gezogen. Er hatte mit einem Recht: Software ist das digitale Nervensystem unserer modernen Gesellschaft geworden. Es gibt keine Lebensbereiche mehr – vom fließenden Wasser über die Versorgung mit Lebensmitteln, Mobilität, Kommunikation, Medizin bis zur Politik und Verwaltung – die nicht vollständig von Software abhängig geworden ist.

    Die meisten traditionellen Unternehmen und Organisationen (auch Verwaltungen) haben diese fundamentale Erkenntnis noch nicht vollzogen: sie sind in den letzten Jahrzehnten (ob sie das wollen oder nicht) zu Software-Unternehmen geworden, mit allen positiven aber auch negativen Effekten.

    Dabei haben wir als Management, als Entwickler, als Fachbereiche, als Nutzer, als Gesellschaft vergessen auf die Qualität und die Architektur dieser überlebenswichtigen Systeme zu achten. Software hat – ohne dass das den meisten Menschen bewusst wäre – vielfach bei weitem nicht die Qualität, die für die Rolle die sie spielt angemessen und notwendig wäre. Etwas direkter ausgedrückt: wir haben ein richtiges, tiefreichendes Problem.

    In dieser Episode spreche ich mit Tom Konrad, einem Kollegen von mir und langjährigen Software- und Security-Experten über dieses Themenfeld. Er ist seit über zehn Jahren als Penetration-Tester und Software-Entwickler im Security-Team bei SBA Research tätig und ist Mitbegründer der sec4dev-Konferenz, einer Security-Konferenz speziell für Softwareentwickler.

    Eine wichtig Anmerkung dabei: Dieses Gespräch richtet sich nicht in erster Linie an Techniker oder Software-Entwickler, sondern auch und besonders an nicht-Experten. An eine breitere Gesellschaft, Bürger, Management und Politik.

    Wir sprechen über die Rolle von Software in unserer Gesellschaft, welche gravierenden Folgen mangelnde Qualität bereits heute hat und was für die Zukunft zu erwarten ist.

    Was bedeutet dies für kritische Infrastruktur und wie kommt es, dass große Unternehmen nicht in der Lage sind etablierte (und offen gesagt langweilige) Standardsoftware einzuführen und diese Projekte häufig in große Probleme mit Millionen-Verlusten geraten?

    Als Nutzer, der nicht hinter die Kulissen blicken kann, lassen wir uns zu häufig vom »Glanz an der Oberfläche« täuschen. Tatsächlich ist Software heute mehr eine Art von Archäologie, wo die Aquädukte der Römer noch ein Kern-Bestandteil der Wasserversorgung einer modernen Stadt sind (ohne, dass die meisten Bürger das wissen und ohne, dass wir in der Lage sind, diese noch zu warten).

    xkcd – Dependency

    Wir haben die zahlreichen neuen Möglichkeiten (Programmiersprachen, Tools, Prozesse) leider nicht genutzt, um wichtige Software stabiler und besser zu machen, sondern um immer mehr Software auf fragwürdigem Niveau zu entwickeln.

    Welche Rolle spielt dabei Komplexität verteilter Systeme? Wie steht es um Abhängigkeiten innerhalb und außerhalb von Unternehmen? 80% des Softwarecodes eines typischen Softwareprojektes sind externe Abhängigkeiten, die nicht im direkten Einflussgebiet der Entwickler liegen, aber integraler Teil der eigenen Software sind.

    Zuletzt stellen wir die Frage: wie können wir diese fundamentale Infrastruktur auf ein Qualitätsniveau heben, das unbedingt für eine resiliente Gesellschaft notwendig ist? Wer hat welche Verantwortung? Was ist konkret die Verantwortung von Entwicklern? Vom Management? Von Gesellschaft und Politik? Wie verhält es sich mit kurzfristigen und langfristigen Anreizsystemen? Was ist die geopolitische Dimension und – in die Zukunft gedacht – für Europa?

    Wir benötigen neue Narrative – organische Bilder. Software ist viel besser als Ökosystem begreiflich als als »technisches System des 19. Jahrhunderts« oder als »Projekt«. Wir brauchen aber auch klare gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen und Gesetze.

    Referenzen

    Tom Konrad

    SBA-Research / Professional ServicesTom @ SBATom auf TwitterSec4Dev Konferenz

    Andere Episoden

    Episode 30: (Techno)Optimismus – ein Gespräch mit Tim PritloveEpisode 27: Wicked ProblemsEpisode 24: Hangover, Was wir vom Internet erwartet und was wir bekommen haben – Gespräch mit Peter PurgathoferEpisode 19 und Episode 20: Offene Systeme Episode 10: Komplizierte Komplexität

    fachliche Referenzen

    Marc Andreessen, Software is eating the worldI Pencil (When ideas have sex)I, Pencil, ArtikelI, Pencil, YouTube VideoMatt Ridley, When ideas have sex, TED-TalkWorld biggest data breaches and hacks (website)Fingerabdruck von Foto von GlasBSI/NIS-RichtlinieLidl 500Mio Projekt scheitertNachfolge von Safe Harbour gekippt (Max Schrems)
  • Wie optimistisch können wir in die Zukunft blicken und welche Rolle spielt dabei Technologie?

    »Ohne Optimismus kann man auch gleich im Bett bleiben«

    In dieser Episode spreche ich mit Tim Pritlove. Tim ist »Nerd« der frühen Stunde und seit den 1980er Jahren im Hacker-Umfeld (auch des Chaos Computer Clubs) »sozialisiert« worden. So war er auch über viele Jahre in der Organisation des Chaos Communication Kongresses tätig.

    Seine Interessen sind aber deutlich vielseitiger. So hat er sich mit dem Projekt Blinkenlights einen Namen als Medienkünstler gemacht und gilt heute als einer der führenden deutschen Podcaster. Dabei beschränkt er sich nicht auf Themen im Umfeld von Computern und Technik, sondern betreibt Podcasts um wissenschaftliche Themen für einer breiteren Zuhörerschaft verständlich zu machen, im Bereich von (Netz)Politik aber auch Unterhaltung im weiteren Sinne.

    In dieser Episode unterhalten wir uns über Füchse und Igel (nach Phil Tetlock), das heißt wir stellen die Frage, welche Rolle Generalisten und Spezialisten in unserer Gesellschaft im allgemeinen haben, und wie »Nerds« hier einzuordnen sind.

    Wie werden Entscheidungen getroffen? Welche Herausforderungen muss die Demokratie meistern um nicht in eine Expertokratie oder in Populismus abzugleiten?

    Welche Rolle spielt dabei Kommunikationstechnologie? Sind die Erwartungen seit jeher überzogen oder gibt es keine gemeinsame Zukunft ohne globale Kommunikationsmittel? Wie wird Demokratie durch die neuen Möglichkeiten verändert (z.B. Liquid Feedback, Wahlmaschinen) und was sollte man überhaupt ändern? Wie geht man mit Extremisten, mit Trollen um, wo endet Meinungsfreiheit?

    »Unser inhaltlicher Umgang mit Wahnsinn gehört überarbeitet.«

    Wie sind die Ideen der »Nerds« und Autodidakten der 1980er und 1990er Jahre heute zu bewerten? Skalieren die oftmals idealistischen Ideen der damaligen Zeit? Von welchen Fehleinschätzungen sollten wir für die Zukunft lernen?

    Wie gehen wir mit den techno-sozialen »Wellenbewegungen« um? Vom Compuserve und AOL der 1990er Jahre über das »freie Internet« zurück zum Compuserve des 21. Jahrhunderts mit dem Namen Facebook? Wie sieht die nächste Welle aus?

    Welche Rolle spielt Geschwindigkeit oder Langsamkeit – In der Adoption von Technik, in gesellschaftlichen Phänomenen und demokratischen Prozessen?

    »In einem gesellschaftlichen System brauchst du genug Zeit um die Leute mitzunehmen […] Geschwindigkeit, schnelle Entscheidung ist per se keine Qualität«

    Hat Europa den Anschluss bei strategischen Technologien verloren? Entscheiden wir in Europa überhaupt noch selbst, oder müssen wir zur Kenntnis nehmen, was in anderen Teilen der Welt definiert wird?

    Wie verändert sich Kommunikation? Sind Menschen wirklich nur an Soundbites interessiert – wie von Legacy-Medien immer behauptet wurde, warum ist dann gerade heute das Interesse an Langformen auf YouTube oder auch bei Podcasts so beliebt? Ändert sich die Kommunikation in einer Krise?

    »In Momenten der real erlebten Krise sind die allermeisten Leute in der Lage sich zusammenzuraufen-es kann dann schon sehr schnell gehen.«

    Solutionism: verlieren wir uns in technischen Visionen (wie dem E-Auto, Kolonialisierung des Weltraums, Singularitätsphantasien) anstatt die klügsten Menschen an den größten Probleme der Zeit arbeiten zu lassen?

    »Über kurz der lang wird es das Internet gebraucht haben« »Ich kann mir keinen Planeten Erde vorstellen […], der kein globales Kommunikationssystem hat. Aber wir sind noch lange nicht da.«, alle Zitate von Tim Pritlove

    Referenzen

    Tim Pritlove

    Tim auf TwitterMetaebene auf TwitterChaos Computer ClubChaos Communication Congress (Event Blog, Wikipedia)Projekt Blinkenlights (Wikipedia)Metaebene – Das »Dach« des Podcast-ImperiumsPodcasts (eine Auswahl)CRE: Technik, Kultur, GesellschaftFreakshowForschergeistRaumzeitLogbuch:NetzpolitikUKW – Unsere kleine Welt(Not Safe For Work)

    Andere Episoden

    Episode 26: Was kann Politik (noch) leisten? Ein Gespräch mit Christoph ChorherrEpisode 24: Hangover: Was wir vom Internet erwartet und was wir bekommen haben – Gespräch mit Peter PurgathoferEpisode 19 und Episode 20 zu Offenen Systemen, hier gibt es ebenfalls zahlreiche Ergänzungen zu den mit Tim diskutierten ThemenEpisode 15 und Episode 16: was hat es mit Innovation und Fortschritt auf sich?Episode 31: Die Rolle von komplexen Software-Systemen in unserer Gesellschaft, Gespräch mit Thomas Konrad

    Fachliche Referenzen

    Philip Tetlock, Superforecasting. The Art and Science of Prediction, Cornerstone (2015)Liquid Feedback (Software)Evgeny Morozov: To save everything, click here, Penguin (2014)Konrad Paul Liessmann, Leben mit dem Virus
  • Eine Episode die zum Nachdenken anregen soll, und die Motivation dieses Podcasts reflektiert:

    »Fakten sind wichtig aber nicht entscheidend.«

    Werden wir geschoben – von der Vergangenheit, den Problemen, den bestehenden Narrativen, oder agieren wir, denken wir aktiv über die Zukunft nach – ziehen wir uns also in Richtung Zukunft?

    Übernehmen wir die Verantwortung über unser Leben und die Zukunft der Gesellschaft oder verlieren wir uns in Zynismus – das Handeln ist alternativlos...?

    »Menschen sind die Produkte der Geschichten, die sie über sich selbst erzählen, die ihre Gemeinschaft über sich erzählt. Fakten spielen dabei höchstens eine untergeordnete Rolle.«, Philip Blom

    Welche Rolle spielen dabei Narrative, Fakten, Wissenschaft, Geschichten?

    »Those who tell the stories run the world.«, George Mobiot

    Was bedeutet das? Wie kommen wir zu Entscheidungen? Wie verändern wir die Welt?

    »Bewegungen, welche die Welt zu verändern suchen, beginnen oft damit, dass sie die Geschichte umschreiben und die Menschen damit in die Lage versetzen, sich die Zukunft neu auszumalen.«, Yuval Noah Harari

    Schreiben Sie mir Ihre Meinung!

    Referenzen

    Andere Episoden

    Episode 12: Wie wir die Zukunft entdeckt und wieder verloren habenEpisode 25: Entscheiden unter UnsicherheitEpisode 27: Wicked ProblemsEpisode 28: Jochen Hörisch: Für eine (denk)anstössige Universität!

    Fachliche Referenzen

    Konrad Paul Liessmann, Leben mit dem VirusPhilip Blom, Was auf dem Spiel steht, Hanser (2017)George Mobiot, Out of the Wreckage, Verso (2017)Yuval Noah Harari, Homo Deus, Eine Geschichte von Morgen, C. H. Beck (2018)Evgeny Morozov, To Save Everything, Click Here, Penguin (2014)Julia Shaw, Das trügerische Gedächtnis, Heyne (2018)Andrea Schuhmacher, Das betrogene Ich, Die Zeit 13. Oktober 2009
  • Ich freue mich in dieser Episode wieder einen sehr interessanten Gast begrüßen zu dürfen, Prof. Jochen Hörisch.

    Jochen Hörisch, geboren 1951, studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte. Ab 1988 war er Ordinarius für neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim. Er bekleidete zahlreiche Gastprofessuren an anderen Universitäten in Europa sowie den Vereinigten Staaten. Er ist mittlerweile emeritiert und hat sich dankenswerterweise zu einem online Gespräch mit mir bereiterklärt.

    In früheren Episoden, wie #16 und #18 habe ich mich schon kritisch mit dem aktuellen Zustand von Forschung und Universität auseinandergesetzt. So manche Innovation die heute bejubelt wird, scheint mehr Theaterdonner als tatsächlicher Fortschritt zu sein.

    In Episode 11 habe ich die Frage gestellt, wie man mit schwierigen ethischen Fragen umgehen sollte, auch mit solchen, die sich aus der Technik und Wissenschaft heraus ergeben, innerhalb dieser aber nicht entschieden werden können oder sollten. In Episode 27 stelle ich Wicked Problems zur Diskussion und die Rolle, die Generalisten für die Lösung der wesentlichen Probleme unserer Zeit spielen (werden).

    Daraus ergeben sich zwei wesentliche thematische Aspekte, mit denen wir uns in dieser Episode auseinandersetzen werden:

    (1) Die Rolle der Universität für unseren Lebensstandard, Kultur und Zukunft und damit verbunden: der Zustand der heutigen Universität in Deutschland und Österreich

    (2) Wir neigen dazu, wichtige Fragen der Zeit, die die Gesellschaft in einem breiteren Sinne betreffen, sehr stark aus einem technisch/naturwissenschaftlichen oder ökonomischen Blickwinkel zu betrachten, mit allen daraus folgenden Problemen. Naturwissenschaft und Technik erzeugt (fast immer) geisteswissenschaftliche oder kulturwissenschaftliche Probleme und Fragen.

    So sprechen wir unter anderem über die Frage, wie die heutige Universität historisch zu verorten ist, über die platonische Akademie, die Häuser der Weisheit sowie die Humboldtsche Bildungsreform. »Abweichler und Häretiker« haben dabei immer eine wichtige Rolle gespielt und einen Platz bekommen.

    Heute aber ist an den Universitäten die Bologna-Professionalität eingezogen, es wird gemessen, gemanaged – die Leidenschaft ist dahin? Wir haben wohl auch bei einem Etikettenschwindel mitgemacht. Was internationalisiert werden sollte wurde bürokritisiert und verschult. Wo freies Denken möglich sein sollte herrscht das Geld, oder Geld-artige Anreizsysteme.

    Wo Prozess-Steuerung und Performance-Indikatoren Einzug halten geht da nicht nur die Leidenschaft sondern auch die Qualität des Werkes verloren?

    Wir stellen uns weiters die Frage, ob originelle Charaktere, Intellektuelle (»Abweichler«) noch eine Chance auf eine Uni-Karriere in Zeiten stromlinienförmiger Institute und Manager haben?

    Was ist die Rolle von Generalisten heute und für die Zukunft?

    Auch die Kultur- und Geisteswissenschaften müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie ihre (wichtige) Rolle in der Verortung des (technisch/naturwissenschaftlich/ökonomischen) Wissens hinreichend Ernst nehmen, in Diskurs mit der Öffentlichkeit gehen, ob sie Narrative, die unsere Gesellschaft treiben hinterfragen und kritisieren.

    Nicht zuletzt beschreibt Prof. Hörisch die Rolle der Philosophie aber auch verschiedener vermeintlicher Orchideenfächer. Er betont die Rolle bekennender Dilettanten und philosophischer Narren.

    Wir sollten wieder für eine Alma Mater Libido, für eine libidinöse Universität kämpfen, die sich nicht scheut anstössig zu sein, die nackte Wahrheit freilegen möchte.

    "Wissenschaft ist obszön, sie stellt das auf die Bühne, was andere zunächst nicht sehen wollen"

    "Ohne Tabubrechen ist die Universität nicht zu haben“

    Arbeiten wir also gemeinsam an einer libidinösen und denkanstössigen Universität der Zukunft!

    Referenzen

    Prof. Jochen Hörisch

    Prof. Hörisch / Uni MannheimProf. Hörisch – Wikipedia

    Andere Episoden

    Episode 11: Ethik, oder: Warum wir Wissenschaft nicht den Wissenschaftern überlassen sollten!Episode 16: Innovation und Fortschritt oder Stagnation?Episode 18: Gespräch mit Andreas Windisch: Physik, Fortschritt oder StagnationEpisode 27: Wicked Problems

    Fachliche Resourcen

    Jochen Hörisch, Die ungeliebte Universität – Rettet die Alma Mater, Hanser (2006)Jochen Hörisch, Das Geld der Wissenschaft (2016)Konrad Paul Liessmann, Kant, Dienst ohne Vorschrift (2004)Konrad Paul Liessmann im Interview mit Robert MisikPhilipp Blom, Was auf dem Spiel steht, Hanser (2017)George Monbiot, Out of the Wreckage, Verso (2017)Zymunt Bauman, Retrotopia, Suhrkamp (2017)Noah Yuval Harari, Homo Deus, Eine Geschichte von Morgen, C. H. Beck (2018)Erwin Schrödinger, What is Life? (1944)Michel Serres, Was genau war früher besser?, Suhrkamp (2019)
  • In Episode 25 haben wir uns mit Entscheiden unter Unsicherheit auseinandergesetzt. Wann macht Evidenz-basiertes Entscheiden Sinn, wann müssen wir andere Strategien anwenden. Dies war ein erster Aufschlag zu diesem Thema.

    In dieser Episode greifen wir einen der kurz erwähnten Aspekte auf und vertiefen ihn: Wicked Problems.

    Mit dem einflussreichen Fachartikel aus dem Jahr 1973 haben Horst Rittel und Melvin Webber den Begriff eingeführt, ins Deutsche vielleicht mit »bösartige Probleme« übersetzbar.

    Wir werden uns mit der Frage auseinandersetzen was Wicked Problems von Tame Problems also »zahmen Problemen« unterscheidet und welche Rolle Effizienz dabei spielt.

    Rittel und Webber beschreiben 10 Charakteristika von wicked problems, die ich auf 4+1 Aspekte zusammenfasse. Die Erkenntnisse dieses fast fünfzig Jahre alten Artikels sind heute gültiger als zur Zeit der Veröffentlichung.

    Das zeigen zahlreiche neuere Publikationen, die die Terminologie und Konzepte aufgreifen. Ich wähle beispielhaft zwei hervor: David Epstein (Range) und Chris Clearfield (Meltdown). Beide beschäftigen sich mit der Frage, wie wir mit den heute überall zu sehenden wicked problems und wicked domains umgehen sollen.

    Was ist die Konsequenz für unsere Zukunft? Schule, Universität, Politik, Management?

    Und nicht zuletzt: was halten wir von Experten, oder besser gesagt: wie können wir Experten, denen wir täglich in den Medien begegnen einschätzen?

    Referenzen

    Horst Rittel, Melvin Webber, Dilemmas in a General Theory of Planning, Policy Sciences 4 (1973), 155-169Peter Kruse, Wie reagieren Menschen auf Komplexität?Peter Kruse, Next Practice, Gabel (2004)David J. Epstein, Range: Why Generalists Triumph in a Specialized World, Riverhead (2019)Chris Clearfield, Meltdown: Why systems fail and what we can do about it, Atlantic (2018)Philip Tetlock, Superforecasting. The Art and Science of Prediction, Cornerstone (2015)Roger Willemsen: Die Kunst des Streitens in der Mediengesellschaft, Keynote (2014)
  • In dieser Episode spreche ich mit Christoph Chorherr über die Herausforderungen und Chancen von Politik für die Gestaltung unserer Zukunft.

    Christoph Chorherr war langjähriger Politiker und Stadtplaner. Er war etwa Stadtrat der Grünen in Wien, sowie Bundesprecher der Grünen. 2008 gründete er in Südafrika das Ithuba Skills College, eine Schule in einer Township nahe Johannesburg. Er ist seit Anfang 2019 aus der aktiven Politik zurückgetreten und eröffnet Ende 2019 gemeinsam mit Helmut Gragger eine Bio Holzofen-Bäckerei.

    In diesem Gespräch freue ich mich über die langjährige politische Erfahrung von Christoph Chorherr um über Politik und die Gestaltungsmöglichkeiten die Politik heute bietet zu diskutieren.

    Wir beginnen das Gespräch mit seiner persönliche Motivation, die ihn in die Politik geführt hat – »Engagement lohnt sich«. Wir stellen die Frage, was wir aus »Corona« lernen können. Ist Politik alternativlos oder kann sie gestalten? Wenn ja, in welcher Weise und auf welchen Ebenen?

    Technologie spielt eine immer wichtige Rolle in der Lebenswelt vieler Menschen. Erleben wir gerade ein Auseinanderdriften in moralisierende Lager, Twitter- und Facebook-Blasen? Wie gehen wir mit widersprechenden Positionen um und wie können wir wieder zueinander und zu einem konstruktiven Dialog finden?

    Wir sprechen weiters über die Schwierigkeit der Prognose, Irrtümer und wie man daraus lernt:

    Wird die Welt immer besser oder schlechter? In einem zum Teil inneren Dialog (am Beispiel von systemischen Effekten, Ökologie, der Zukunft Afrikas und des Gesundheitssystems) spricht der Optimist Christoph Chorherr mit dem Pessimisten und verhandelt einen Weg aus dem Dilemma.

    Wo treffen wir sinnvollerweise die immer schwieriger werdenden Entscheidungen der Zeit? Global, top down, oder eher im Lokalen, im Kleinen?

    Am Beispiel von Steve Bannon zeige ich die Gefahr zynischer Interpretationen der kritischen Lage der Welt auf und stelle die Frage, wie es gelingen kann, zu einer gemeinsamen, solidarischen Interpretation und Handlungsmacht zu gelangen. Homo homini lupus? Oder ist der Mensch doch gut, wenn man den richtigen Wolf füttert?

    Wie greifen noch einmal die Ambiguitäten der moderen (sozialen) Medien auf? Trennen oder vereinen sie uns? Machen sie uns klüger oder doch dümmer? Wir gelangen mit dieser Frage zur Bedeutung von Bildung, aber welcher Bildung? Einer digitalten oder gar einer (altmodischen) humanistischen Bildung? Nimmt die Aufmerksamkeit stetig ab und wollen die Menschen nur mehr Soundbites – warum hören sie dann politische Podcasts die mehrere Stunden dauern?

    Zuletzt sprechen wir über die Bedeutung von Entschleunigung im Prozess der Zivilisierung und die verschiedenen Gesichter der Transparenz.

    Zum Abschluss stellen wir die Frage, wie man (Partei-) Politik wieder mehr Menschen zugänglich machen kann. »Wir haben eine Denunziation des politischen Engagement« in den letzten Jahrzehnten erlebt. Können wir das umdrehen? Sind Parteien doch gar keine so schlechte Idee und »Immunisieren gegen den Durchmarsch charismatischer Verrückter«. Und wie gehen wir als Europäer mit der »chinesischen Herausforderung« um?

    Christoph Chorherr endet mit einer Frage zum Weiterdenken: wie können wir die Partien, die im 19. Jahrhundert gegründet wurden fit für das 21. Jahrhundert machen?

    Referenzen

    Christoph Chorherr

    Christoph Chorherr auf TwitterHomepage/BlogIthuba – SchulprojektGragger und Chorherr BäckereiChristoph Chorherr, Verändert! Über die Lust die Welt zu gestalten

    andere Episoden

    Episode 24: Hangover – Was wir vom Internet erwartet und was wir bekommen habenEpisode 17: KooperationEpisode 12: Wie wir die Zukunft entdeckt und wieder verloren habenEpisode 7, Episode 8: Alles wird besser (oder nicht?)

    fachliche Referenzen

    Hans RoslingFactfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich istTED-TalksMax Roser, Our World in DataJonathan Haidt, The Righteous MindUlrike Guerot, Warum Europa eine Republik werden muss: Eine politische UtopieNassim Taleb, Das Risiko und sein Preis – Skin in the GameSteven BannonSteven Bannon, Biosphere projectTrump's Chief Strategist Steve Bannon Ran a Massive Climate Experiment, Wired (2016)Rutger Bregman, Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der MenschheitBernhard Pörksen, Die Kunst des Miteinander-RedensDouglas RushkoffTeam Human PodcastTeam Human BuchRichard David Precht – Entschleunigung (Sternstunde Philosophie)TransparenzgesellschaftByung Chul Han, PsychopolitikLawrence Lessig, Against Transparency
  • Thema dieser Episode ist Entscheiden unter Unsicherheit oder etwas genauer, Unter welchen Voraussetzungen sind evidenzbasierte Entscheidungen angebracht, und wie ist unter Unsicherheit, also etwa bei komplexen Problemen zu entscheiden.

    Auch dies ist wieder keine Corona-Episode im engeren Sinne, wenngleich die Corona-Krise ein gutes Beispiel für eine Situation ist, wo evidenzbasierte Entscheidung nur bedingt möglich ist.

    Zunächst gibt es wieder einmal einen Blick in die Vergangenheit: Was können wir von James Lind, Florence Nightingale, Archie Cochrane und John Ioannidis über Fortschritt in der Medizin und evidenzbasiertes Entscheiden lernen?

    Was sind die Voraussetzungen, damit man in einer bestimmten Problemlage evidenzbasiert Entscheiden kann?

    Zunächst versuche ich Risiken in drei Klassen einzuteilen und mit Beispielen zu unterlegen um damit deutlich zu machen, dass es von großer Bedeutung ist zunächst einmal zu verstehen, mit welcher Art von Risiko wir es in einem konkreten Fall überhaupt zu tun haben. Darf man etwa

    MasernHerzinfarktAutounfälleErtrinken im Swimmingpoolpolitische KonflikteCovid-19FinanzmärkteKlimakrise

    miteinander vergleichen? Wenn ja, unter welchen Voraussetzungen? Wann ist ein System oder ein Problem komplex und was bedeutet das für Entscheidungen?

    Unter welchen Voraussetzungen ist schnelles und aggressives Handeln das Mittel der Wahl, unter welchen Deliberation und Bezug auf vergangene Ereignisse?

    Ist rationales Entscheiden Intuition und Bauchgefühl immer überlegen? Warum wird dann so häufig defensiv oder pseudo-rational entschieden?

    Wenn man über ein akutes Problem hinausblickt: wie kann man sich für die Zukunft vorbereiten? Welche systemischen Aspekte könnte man bedenken

    Vorbereiten auf Tail Risks Resilienz vs. EffizienzVielfalt statt EinfaltVerteilung statt Konzentrationenge oder lockere Kopplung?Versicherung

    In dieser Episode wird es wieder einige Anregungen zum Weiterdenken geben, aber wir müssen auch einige Aspekte für spätere Episoden offen lassen, z.B.

    Eine vertiefte Betrachtung komplexer Systeme und deren Probleme, z.B. »Wicked Problems«Solutionism – wie Technik unseren Blick auf Probleme verwirren kannAtomwaffen und internationale Politische Konflikte

    Referenzen

    andere Episoden

    Episode 27: Wicked ProblemsEpisode 23: Frozen AccidentsEpisode 22: Biodiversität und komplexe Wechselwirkungen – Gespräch mit Prof. Franz EsslEpisode 13 und 14 – (Pseudo)wissenschaft? Welcher Aussage können wir trauen? Teil 1 & Teil 2Episode 10: Komplizierte KomplexitätEpisode 6: Messen, was messbar ist?

    fachliche Referenzen

    John IoannidisJohn Ioannidis, Why most published research finding are false, PLoS medicine (2005)John Ioannidis, A fiasco in the making? As the coronavirus pandemic takes hold, we are making decisions without reliable dataJames Lind: The man who helped to cure scurvy with lemons, BBCFlorence Nightingale – Data ScientistFlorence Nightingale as Statistician, Edwin W. Kopf, Publications of the American Statistical Association, Vol. 15, No. 116 (Dec., 1916)Florence Nightingale, datajournalist: information has always been beautiful, The Guardian (2010)Presentation by Prof. Lynn McDonald at Gresham College. (30. Oct., 2014)Archie CochraneArchie Cochrane: - 1971 Rock Carling Fellowship monograph Effectiveness and Efficiency: Random Reflections on Health Services, first published in 1972 by the Nuffield Provincial Hospitals TrustArchie Cochrane and his vision for evidence-based medicine, Hriday M. Shah, Kevin C. Chung (2009)Tim Harford, Trial and Error (2012)Flash CrashNeil Johnson, Abrupt rise of new machine ecology beyond human response time, Nature Scientific Reports (2013)Chris Clearfield, Meltdown: Why systems fail and what we can do about it (2018)The Artificial Intelligence Revolution: Part 1 - Wait But Why (2015)Gerd GigerenzerGerd Gigerenzer, Wie trifft man gute EntscheidungenGerd Gigerenzer, Bauchentscheidungen (2008)Gerd Gigerenzer, Risiko (2014)Peter KrusePeter Kruse, Wie reagieren Menschen auf Komplexität? (YouTube)Peter Kruse, next practice. Erfolgreiches Management von Instabilität (2004)Nassim TalebNassim Taleb, Skin in the Game (2018)Nassim Taleb, Yaneer Bar-Yam, Uncertainty, Certainty and what to do when there is Systemic Risk(2020)Nassim Taleb, Yaneer Bar-Yam, Pasquale Cirillo, On single point forecasts for fat-tailed variables (2020)Steve Jobs on Consulting
  • In der heutigen Episode spreche ich mit Prof. Peter Purgathofer über das Internet. Genauer gesagt über die letzten 25 Jahre: Wie haben wir in den 1990er Jahren das »Internet« (also die neuen technischen Möglichkeiten aber auch den stetig wachsenden Services) gesehen? Welche Umbrüche und Verbesserungen für Gesellschaft und Wirtschaft haben wir uns erwartet, was waren die Visionen, in welchen bunten Farben habe jedenfalls ich mir damals die neue (digitale) Zukunft ausgemalt.

    Als historische Referenz dieser Vision ein Vergleich zum 19. Jahrhundert und dem Unternehmen Cyrus Field, der das erste Transatlantik-Kabel (1861) gelegt hat:

    »Its value can hardly be estimated to the commerce, and even to the peace, of the world.«

    Information sollte für jeden Menschen auf der Welt leicht zugänglich sein, die Schranken für den Austausch und die damit verbundenen Gatekeeper minimiert. Demokratisierung vieler gesellschaftlicher Systeme, neue Formen von Journalismus, Medien, Schule, Lehre und Forschung, waren die Ansprüche; aber auch: Durchbrechen der bestehenden Monopole in den Medien, der Telekommunikation und Unterhaltungsindustrie, um nur einige Aspekte zu nennen.

    Was haben wir aus heutiger Sicht bekommen?

    In Zeiten einer Corona-Krise erkennen wir einerseits, dass digitale Technologien uns Möglichkeiten geschaffen haben, die noch vor kurzem nicht denkbar gewesen wären, die eine solche Krise noch wesentlich schwieriger bewältigen ließen.

    Wir müssen andererseits aber auch feststellen, dass wir an vielen Ecken aus unserer Sicht die falsche Abzweigungen genommen haben, die etwa zu fragwürdigen Geschäftsmodellen geführt haben: Eine Art von Monopol wurde durch neue Monopole abgelöst: Überwachungs- und Ausbeutungskapitalismus und persönliches Targeting und Manipulation kann man als Folge nennen.

    Auch für Kunst, Kultur und Demokratie sieht es daher bei weitem nicht alles so rosig aus, wie wir uns das erhofft hatten. Das hat natürlich auch ökonomische Gründe:

    »Eine solidarische Gesellschaft ist eine, mit der man weniger Geld machen kann als eine individualistische Gesellschaft, wo jeder für sich selber verantwortlich ist. «, Peter Purgathofer

    Wo stehen wir heute und was sind wesentliche Richtungsentscheidungen vor denen wir heute stehen um das Boot wieder in eine bessere Richtung zu steuern? Die Möglichkeiten der neuen Technologie für die gesellschaftliche Zukunft sind nach wie vor enorm, leider auch die Risiken.

    »We need a time-out from all this frantic digital innovation to reflect on what we think we’ve been doing.« ?, James Howard Kunstler

    Anmerkungen zum Beginn des Gespräches

    Peter erwähnt zwei Personen zu Beginn des Gespräches, wo uns die Referenzen nicht greifbar waren; es handelt sich um:

    (1) Das Manifest von John Perry Barlow, A Declaration of the Independence of Cyberspace (1996), ein Zitat daraus:

    »Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.«

    (2) Vinton Gray (»Vint«) Cerf (Zentrale versus verteilte Netzwerksteuerung) ist einer der TCP/IP-Ingenieur und gilt einer der »Begründer« des Internets. In der BBC-Dokumentation The Virtual Revolution (Folge 2) hat er 2010 folgendes gesagt:

    »it became more and more apparent that the internet's style of operation was the antithesis of what most countries had been accustomed to. in fact in the early days telephony and telegraphy there was only one network and it was often managed by and operated by the government, giving it substantial control. So I rather liked the idea, that the internet didn't have that let me call it deficiency and therefore opened a platform up. it's probably the most democratic opportunity for people to express themselves and to get information that has ever existed.«

    Referenzen

    Peter Purgathofer ist Forscher und Universitätslehrer an der Forschungsgruppe Human Computer Interaction an der TU Wien sowie Koordinator des Masterstudiums Media and Human-Centered Computing.

    Homepage von Peter PurgathoferTwitter: @peterpur

    Frühere Episoden

    Episode #019: Offene Systeme Teil 1Episode #020: Offene Systeme Teil 2: Gespräch mit Christoph Derndorfer und Lukas LangEpisode #015: Innovation oder Fortschritt?

    Weitere Referenzen

    John Perry Barlow, A Declaration of the Independence of Cyberspace (1996)BBC Doku über Vint CerfLaura Spinney, Inequality doesn't just make pandemics worse – it could cause them, The Guardian (2020)Laura Spinney, Pale Rider, The Spanish Flu of 1918 and How it Changed the World (2018)James Howard Kunstler, Living in The Long Emergency (2020)Harald Welzer und Richard David Precht in den Sternstunden Philosophie: Precht über den Fortschritt der Gesellschaft durch Verlangsamung von ProzessenCorona App: Wie gute Absicht den Weg zu einer autoritären Gesellschaft öffnetYuval Noah Harari, The World after Corona Virus, Finincial Times (2020)
  • Die Idee dieses Podcasts ist es nicht, Themen zu behandeln, die eine besonderen Bezug zu aktuellen Ereignissen haben, sondern Themen, die von grundsätzlicher Bedeutung sind und eine wesentliche Rolle für unsere Zukunft spielen. Daher gibt es auch keine Covid-19 Episode. Allerdings wurden und werden in diesem Podcast Themen besprochen, die für die Corona-Krise von zentraler Bedeutung sind. In der Vergangenheit waren das etwa folgende Episoden:

    Episode 6: Messen was messbar ist, über Daten und rationale Entscheidungen.Episode 10: komplizierte KomplexitätEpisode 11: Ethik und Wissenschaft, warum es wichtig ist, ethische Entscheidungen nicht Wissenschafter zu überlassen.Episode 17: Kooperation oder Wettbewerb, gerade in der aktuellen Krise sehen wir, welche Rolle Kooperation spielt.

    Und diese Episode behandelt ein, eigentlich zwei Themen, die ebenso fundamental für die Zeit einer Krise und notwendiger Veränderungen in der Zukunft sind.

    Der erste Begriff ist Frozen Accidents, der auf Murray Gell-Mann und Francis Crick zurückgeht.

    »Now, most single accidents make very little difference to the future, but others may have widespread ramifications, many diverse consequences all traceable to one chance event that could have turned out differently. Those we call frozen accidents.«, Murray Gell-Mann

    In dieser Episode werde ich den Begriff zur Improvisation nutzen um einen zweiten, den der Status Dominanz einzuführen und zu erklären.

    Wir sehen an zahlreichen Beispielen um uns herum, wie stark der Status Quo, teilweise von Frozen Accidents (mit)verursacht eine Anziehung entwickelt (durch Strukturen und Systeme), die wir kaum mehr in der Lage sind zu verändern.

    Auch unsere Risikoeinschätzung wird dadurch stark beeinflusst. Wer würde etwa heute eine Technologie einführen, die jedes Jahr 1,5 Millionen Menschen das Leben kosten und eine Vielzahl davon schwer verletzt?

    Und nicht zuletzt stellt sich die Frage für die Zukunft: was bedeutet dies für die dringen notwendigen und fundamentalen Veränderungen in unserer Gesellschaft?

    Referenzen

    Frozen Accidents: Why the Future Is So UnpredictableWHO, Why it can't handle the pandemic, The GuardianDas Paradox der vermiedenen Katastrophe, (an)sichtenFrozen Accidents und Status Dominanz, (an)sichten

    Irakkrieg und Demokratie

    Donald Rumsfeld denies he thought democracy in Iraq was 'realistic' goal, The Guardian'Wrong then, wrong now': US clash with Iran echoes march to Iraq war, The GuardianKenneth Pollack, The Seven Deadly Sins of Failure in Iraq: A Retrospective Analysis of the Reconstruction
  • Wir stecken in einer globalen Biodiversitäts-Krise. Diese Tatsache scheint durch den Fokus auf das natürlich ebenfalls kritische Thema des Klimawandels etwas aus dem Blick zu geraten.

    In dieser Episode führe ich ein Gespräch mit Prof. Franz Essl, Ökologe (und Biodiversitätsforscher) an der Universität Wien:

    Zunächst steht Biodiversität selbst im Zentrum des Gespräches: was versteht man darunter, wie hat sich dieser Begriff entwickelt.

    Aus der letzten Frage heraus ergibt sich ein zweites wesentliches Themenfeld: Biodiversität steht in komplexer Interaktion mit anderen globalen Phänomenen und Problemen wie der Klimakrise, Wissenschaft, Landnutzung, Landwirtschaft und vielen anderen.

    Damit kommen wir zu grundsätzlichere systemische Fragen in natürlichen Systemen und warum diese besondere und sehr schwierig handzuhabende Eigenschaften, wie z.B. Tipping Points und zeigen.

    Am Ende diskutieren wir ethische Aspekte und im besonderen die Frage der Verantwortung von Wissenschaft und Wissenschaftern, beziehungsweise die Rolle jedes Einzelnen im Umgang mit derartig existentiellen Fragen unserer Zeit.

    Dieses Gespräch ist auch darum von großem Interesse für mich, weil es zahlreiche Anknüpfungspunkte zu Themen früherer Episoden gibt, die durch die Expertise von Prof. Essl erweitert und vertieft werden können. Dazu zählen:

    Episode 10: Der Begriff der Komplexität, Denken in Systemen, komplexe Ursachen und Wirkungszusammenhänge, SkaleneffekteEpisode 3: Das Ozonloch als ein anderes prominentes Beispiel unerwarteter Konsequenzen, wenn wir in großem Ausmaß mit den globalen Systemen interagieren, aber auch eines, wo wir vergleichsweise schnell zu politischen und ökonomischen Handlungsoptionen gelangt sind.Episode 7, 8: Wird »alles« besser, wie manche Autoren heute behaupten, oder laufen wir in kaum mehr kontrollierbare existentielle Risiken?Episode 21: Nicht zuletzt möchte ich auf die unmittelbar vorherige Episode #21 hinweisen. In dieser Episode beschäftige ich mich mit der Frage des Naturbegriffes und der Rolle des Menschen in der Natur

    Referenzen

    Prof. Franz Essl, Univ. Wien

    Univ. Wien. Conservation Biology, Vegetation Ecology and Landscape EcologyVideo: »Die Menschheit steht an einem Wendepunkt«, Medienportal der Univ. Wien, VideoBiodiversitätsrat Österreich

    Frühere Episoden:

    Episode 3: Das Ozonloch, oder: unerwartete KonsequenzenEpisode 7: Alles wird besser... oder nicht? Teil 1Episode 8: Alles wird besser... oder nicht? Teil 2Episode 10: Komplizierte KomplexitätEpisode 21: Der Begriff der Natur

    Weitere Referenzen

    Alexandra Occasio-Cortez asks former Exxon Scientists on climate change denial (YouTube Video)