Episodi

  • Ein neuer politischer Trendbegriff geht um: Klassismus. Er meint die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft – in Analogie zum Rassismus als Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe oder Sexismus als Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Klassismus kann heißen: Man unterstellt Armen, sie seien zu faul zum Arbeiten. Oder es geht um Habitus-Fragen im Sinne der Bordieu'schen Soziologie: Fehlen Studierenden aus Arbeiterfamilien an den Universitäten wichtige social skills, die für eine akademische Karriere mehr als nur hilfreich sind?

    Ijoma Mangold und Lars Weisbrod diskutieren den Begriff und fragen: Ist Klassismus nur Klassenkampf für Softies? Was hilft Habitus? Ist die Umverteilung des Kapitals nicht die schlagkräftigere Strategie, wenn es um die Verbesserung der Lebensverhältnisse geht? Die beiden Podcast-Hosts sprechen über die Klassenanalyse in den Werken Balzacs, die Unterschichtenverachtung im Privatfernsehen. Was heißt es für die Klassismus-Debatte, wenn Multimillionär Robert Geiss mit seinem Kreditkartenvolumen prahlt? Und leben wir wirklich alle schon im Postmaterialismus – oder sind nur diejenigen von uns Postmaterialisten, die sich das auch leisten können?

    Weitere Links zur Folge:

    - “Kapitalismus global” von Branko Milanović
    (https://www.zeit.de/2020/42/kapitalismus-global-branko-milanovic-buch-volkswirtschaft)

    - “Rückkehr nach Reims” von Didier Eribon:
    (https://www.suhrkamp.de/buecher/rueckkehr_nach_reims-didier_eribon_7252.html)

    - Klassismus: Du gehörst nicht dazu!
    (https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-02/klassismus-soziale-gruppen-soziologie-literatur-gesellschaft)

    - Klassismus: Völker, hört die coolen Wörter!
    (https://www.zeit.de/2021/09/klassismus-diskriminierung-soziale-herkunft-gesellschaft)

  • Spätestens seit der Corona-Pandemie heißt es, die Städte verlören an Attraktivität. Die hohen Mieten machen selbst der Mittelschicht zu schaffen, Familien können sich den Platz, den sie brauchen, kaum mehr leisten – erst recht nicht, wenn die Kita zu hat und Mama und Papa aus dem Homeoffice arbeiten.

    In der neuen Folge des Feuilleton-Podcasts geht es um die große Gegenwartsfrage: Warum ziehen wir nicht alle aufs Land? Oder in die Provinz? Weil es da noch keinen guten Flat White gibt? Oder weil man die Infrastruktur in weiten Regionen kaputtgespart hat?

    Der ZEIT-Redakteur Ijoma Mangold erzählt von seiner neuen Heimat in der Uckermark und wie sehr er das ganz andere Leben dort lieben gelernt hat. Sein Podcast-Kollege Lars Weisbrod erklärt, warum die Zukunft des Gangsta-Raps nicht in Berlin, sondern in Bietigheim-Bissingen liegt. Zu ländlich-idyllisch wird es aber auch diesmal nicht: Am Ende entbrennt ein Streit über Sinn und Unsinn des Mietendeckels.

    **Weitere Links zur Sendung:**

    Shindy - Bietigheim Sunshine
    https://www.youtube.com/watch?v=8bVBzhaEneY

    Roman "Unterleuten": Jedes Dorf ist eine Welt
    https://www.zeit.de/2016/13/unterleuten-juli-zeh-roman

  • Episodi mancanti?

    Fai clic qui per aggiornare il feed.

  • Ein neues Buch des Schriftstellers Christian Kracht schlägt immer ein – auch diesmal feiern Kritiker seinen Roman "Eurotrash". Beworben wird er als Fortsetzung der Geschichte, die Kracht 1995 in "Faserland" erzählte. Die Hauptfigur des Buches heißt Christian Kracht, der Schriftsteller reist zusammen mit seiner schwerkranken Mutter ein letztes Mal durch die Schweiz. Zwischendurch wird in Rückblicken die Familiengeschichte durchleuchtet: Die einen waren Nazis, die anderen peinliche Parvenüs, und der Erzähler wird erdrückt von der schweren Last der Vergangenheit. Behauptet er zumindest, seine Mutter nimmt ihm diese Opferrolle nicht ab – sie trinkt Wodka zum Frühstück und erklärt dem Sohn, er solle nicht so jammern, sondern lieber mal ein gutes Buch schreiben so wie Flaubert oder so.

    Wie gut ist also das Buch "Eurotrash"? Ijoma Mangold ist fasziniert von Krachts neuem Roman, der seiner Meinung nach unsere Gegenwartsdiskurse in allen ihren schillernden Facetten einfängt: Vergangenheitsbewältigung wird hier gleichzeitig geleistet und persifliert als leere moralische Geste. Für Lars Weisbrod hingegen ist das Buch eine Enttäuschung – so wenig Stilbewusstsein, Sinn für elegante Komposition und Humor sind ihm bisher noch in keinem Kracht-Buch begegnet.

    Zusammen blicken die beiden Feuilleton-Redakteure zurück auf das Werk von Christian Kracht, sie diskutierten sich von "Faserland" bis in die Gegenwart. Am Ende stehen sie vor der großen Frage: Was ist in dem Buch jetzt ironisch gemeint und was nicht? Und kann man eigentlich zu einem objektiven Urteil kommen über ein Kunstwerk – oder ist alles immer nur relativ?

    Weitere Informationen:
    Los geht’s ins Jenseits von Gut und Böse
    https://www.zeit.de/2021/10/eurotrash-christian-kracht-roman-nazi-familie

    Thema Christian Kracht
    https://www.zeit.de/thema/christian-kracht

    "Faserland"-Autor gibt sein Archiv nach Marbach
    https://www.zeit.de/kultur/literatur/2019-10/christian-kracht-deutsches-literaturarchiv-marbach-schriftsteller

    Hauptsache, was mit Hitler
    https://www.zeit.de/2021/10/aufmerksamkeitsoekonomie-nazi-holocaust-vergleiche-kz

  • Kann man durch den Support der Followerinnen und Follower alles durchsetzen, wovon progressive junge Menschen träumen? Die Joyn-Serie "Unfck the World" erzählt von einer neuen Form der Social-Media-Bürgerbeteiligung.

    Der Plan dieser neuen Form des Aktivismus war so: Zwei junge Berliner Start-upper und Social Entrepreneurs, die sehr erfolgreich ihre vegane Kondom-Marke Einhorn am Markt platziert hatten, dachten sich: Wie können wir unsere Follower-Power nutzen, um Druck auf die Politik zu machen, damit Plastik endlich verboten, Innenstädte autofrei und auf jedes Dach ein Solar-Panel kommt? So entstand die Idee zu "Unfck the World". Sie wollten via Crowdfunding das Berliner Olympiastadion für einen Tag mieten. Wenn es gelang, Tickets im Wert von 1,8 Millionen Euro zu verkaufen, dann könnte man sich das Stadion sichern und ein Programm ausarbeiten: 70.000 Menschen im Olympiastadion mobilisieren, die im Gleichtakt mit ihren Smartphones Resolutionen zu allen drängenden Fragen der Welt hochladen, sodass der Bundestag sich damit befassen muss.

    Weil die beiden Start-upper über gute Kontakte verfügen, war bald ein dichtes Netz aus Promis mit am Start, von Luisa Neubauer bis Charlotte Roche, die das Crowdfunding unterstützten. Und tatsächlich kamen die 1,8 Millionen Euro zusammen, dann allerdings kam Corona ... Doch schon vorher hatte es heftigen Gegenwind gegeben: Allzu naiv, kritisierte zum Beispiel Jan Böhmermann, sei diese Eventisierung von Politik, in der auch nie Inhalte diskutiert, sondern immer nur Gemeinschaftsgefühl zelebriert wird.

    Lars Weisbrod und Ijoma Mangold diskutieren in der neuen Folge "Die sogenannte Gegenwart" über den soziologisch dichten Einblick in dieses Aktivisten-Milieu und fragen, ob es überhaupt eine Alternative zur Eventisierung von Politik gibt.

    Weitere Informationen:
    Sie wollen die Weltrettung verkaufen
    https://www.zeit.de/die-antwort/2019-11/olympiastadion-berlin-einhorn-kondome-buergerversammlung-crowdfunding

    Wie können wir das Klima retten, Greta Thunberg?
    https://www.zeit.de/video/2021-02/6228378225001/greta-thunberg-und-luisa-neubauer-wie-koennen-wir-das-klima-retten-greta-thunberg

    Warten auf den Wendler
    https://www.zeit.de/kultur/film/2020-11/jan-boehmermann-zdf-magazin-royale-show-hauptprogramm

    "Es ist das erste Mal, dass ich so etwas Privates mache"
    https://www.zeit.de/kultur/2019-06/charlotte-roche-paardiologie-podcast-beziehungen-privatsphaere

    Thema Start-up
    https://www.zeit.de/thema/start-up

  • Es war eine junge Generation von Nerds, die in der Corona-Zeit eine neue Beschäftigung für sich entdeckte: Im Lockdown kann man ja nicht nur Netflix bingen, sondern auch mit Aktien zocken. Und zwar über den Billig-Broker Robin Hood, der das Börseninvestieren zu demokratisieren versprach, indem er die Ordergebühren abschaffte.

    Auf dem Internet-Forum Wallstreetbets von Reddit tauschten sie sich über ihre Investment-Ideen aus und entdeckten ihre nostalgische Liebe zu dem stationären Computerspiele-Händler Gamestop, dessen Aktienkurs seit langem absoff. Und so verknüpften sich zum ersten Mal zwei Dynamiken, die zwar ähnlichen nicht-linearen Gesetzen folgen, aber bisher nicht zusammen auftraten: Das virale Social Media und das Herden-Verhalten an der Börse. Zusammen waren sie Dynamit. Der Aktienkurs von Gamestop schoss durch die Decke und einige Hedgefonds, die auf den Untergang von Gamestop gewettet hatten, wurden fast in den Bankrott getrieben.

    David gegen Goliath? Ein neues Occupy Wallstreet, nur diesmal mit den Mitteln des Marktes? Und wird jetzt die Popkultur mit ihren süffigen Narrativen zu einem wichtigen Player des Börsengeschehens? Darüber und über "Guh", den Laut, den eine Seele beim Verlassen eines Körpers macht, reden Lars Weisbrod und Ijoma Mangold in der neuesten Folge des Podcasts Die sogenannte Gegenwart.

    Weitere Informationen:
    Wir haben über die beiden Filme “The Dark Knight” und “The Dark Knight Rises” gesprochen, beide von Christopher Nolan.

    Außerdem über das Buch “The Big Short” von Michael Lewis und die Verfilmung des Buches aus dem Jahr 2015.

    Und hier ist das Video von dem erwähnten reddit-User, der gerade 50.000 Dollar verliert: https://www.youtube.com/watch?v=d80ahvRSV8E

    Der Joker geht von Bord
    https://www.zeit.de/2021/06/gamestop-aktie-wallstreet-hedgefonds-kapitalismus-marxismus-kulturkampf

    Investoren unterstützen Robinhood mit 3,4 Milliarden US-Dollar
    https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-02/trading-app-robinhood-investoren-gamestop-hedgefonds-wallstreetbets-kleinanleger

    Ausgehyped
    https://www.zeit.de/digital/internet/2021-02/gamestop-aktie-hedgefonds-kleinanleger-reddit-wall-street-bets-reddit

  • Die heißeste Popkultur-Nachricht des noch jungen Jahres macht uns endlich mal wieder Hoffnung: Der amerikanische Sender HBO plant eine Fortsetzung seiner, und hier passt das Wort ausnahmsweise mal, Kultserie "Sex and the City". Wir erinnern uns: Von 1998 bis 2004 verfolgten Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern auf der ganzen Welt, wie die vier Mittdreißiger-Frauen Carrie, Miranda, Samantha und Charlotte ihr Singleleben in New York City bestritten – es ging um Frauenfreundschaft, Sex, Männer, Mode und die Frage, wie viel romantische Zweierbeziehung überhaupt noch sein muss. Die Serie erzählte von all dem in einem Ton, den man zuvor im Fernsehen nicht kannte: Tabus wurden gebrochen, böse Witze wurden gerissen, Protagonistinnen waren nicht mehr strahlende Heldinnen – das new golden age of television begann.

    Die Ankündigung der Fortsetzung lässt das Feuilleton-Herz unserer beiden Podcasts-Hosts jetzt wieder höher schlagen wie sonst nur ein romantisches Abendessen mit Mr. Big. Denn natürlich wollen Ijoma Mangold und Lars Weisbrod wissen: Passt "Sex and the City" noch in unsere Gegenwart? Oder fällt die Serie, wie jetzt schon zu lesen war, inzwischen unten durch, weil sie den aktuellen feministischen und politischen Standards gar nicht mehr gerecht wird?

    Die beiden ZEIT-Redakteure haben sich in die alten Folgen gestürzt und sind wieder aufgetaucht mit sehr viel Nostalgie im Bauch, ein paar Erkenntnissen und noch mehr Fragen: Sind sie bloß verknallt in Carrie Bradshaw oder wollen sie sein wie diese Frau, die, gespielt von Sarah Jessica Parker, unsere ganze Gegenwart in wenigen Gesten auf den Punkt bringen konnte? Was ist aus der Stadt von damals geworden, seit sich keiner mehr die Mieten leisten kann? Und ist Sex heute überhaupt noch zeitgemäß? Darüber und über vieles mehr sprechen wir in der neuen Folge von "Die sogenannte Gegenwart".

    Weitere Informationen:

    Die sechs Staffeln von “Sex and the City” sind bei unter anderem bei Sky zu sehen
    https://www.werstreamt.es/serie/details/232797/sex-and-the-city/

    Außerdem sprechen wir kurz über den ersten Film “Sex and the City: The Movie” https://www.werstreamt.es/film/details/12455/sex-and-the-city-der-film/ (den zweiten Teil verschweigen wir lieber)

    Das Buch der Fernsehkritikern Emily Nussbaum heißt “I like to watch”, ihren Artikel über “Sex and the City” findet man auch hier im Netz:
    https://www.newyorker.com/magazine/2013/07/29/difficult-women

    Das Buch von Peter Praschl über “Sex and the City” ist erschienen bei Diaphanes: https://www.diaphanes.net/titel/sex-and-the-city-1892

    Ihren Slogan “Make kin, not babies” erklärt die Feministin Donna Haraway in ihrem Buch “Unruhig bleiben”: https://www.zeit.de/2018/26/donna-haraway-biologin-feministin-familie-tiere-technik

  • Das Auto macht’s nicht mehr lange. Bald kommt die Mobilitätswende, und dann gehört die Zukunft den Fahrrädern und Fußgängern. Und selbst wenn hier und da noch ein Personenkraftwagen herumfahren wird – sicher wird es kein Verbrenner in Privatbesitz sein, sondern ein leise surrendes E-Auto, das ganz in das Mobilitätskonzept einer Carsharing-Plattform integriert ist.

    So oder so ähnlich stellen sich das die Verkehrsvisionäre vor, und in der neuen Folge des Feuilleton-Podcasts "Die sogenannte Gegenwart" fragen Ijoma Mangold und Lars Weisbrod: Was erzählen uns unsere Autos noch über unsere Welt, jetzt wo ihre Zeit fast abgelaufen zu sein scheint? Und welche neuen soziologischen Metaphern und ästhetischen Inszenierungen wird das Elektroauto hervorbringen?

    Es geht um den Image-Wandel des Volvo-Fahrers vom Sozialdemokraten hin zum Urban-Country-Individualisten und um das ewige Streitthema SUV: Wie konnte ausgerechnet der Geländewagen zum Statussymbol werden und zur meistverkauften Wagenklasse überhaupt? Warum sieht man eigentlich keine flinken kleinen Roadster mehr? Und was bedeutet es, dass Elektroautos im Straßenverkehr seltsam künstliche Geräusche von sich geben müssen, die an Walgesang erinnern? Das alles und noch mehr diskutieren die beiden ZEIT-Redakteure und Podcast-Hosts. Ein melancholischer Abschiedsgruß aus dem Feuilleton an die Welt der Verbrennermotoren – und ein hoffnungsvoller Blick ins neue Zeitalter der supercoolen Elektro-Autos.

    Weitere Informationen:
    Die Philosophin Amia Srinivasan über Tintenfische
    https://www.lrb.co.uk/the-paper/v39/n17/amia-srinivasan/the-sucker-the-sucker

    Dan Alberts Buch “Are We There Yet? The American Automobile Past, Present, and Driverless”
    https://www.genialokal.de/Produkt/Dan-Albert/Are-We-There-Yet-The-American-Automobile-Past-Present-and-Driverless_lid_42408930.html?storeID=giesing

    Elektroauto, Diesel oder Wasserstoff - Womit stoppen wir die Klimakrise?
    https://www.youtube.com/watch?v=WBqNS0nQzPY

  • Kurz vor Weihnachten widmen sich Ijoma Mangold und Lars Weisbrod noch mal den ganz großen Fragen: Wie sieht’s heute eigentlich aus mit der christlichen Religion? Spielt die in der Gegenwart noch eine Rolle? Wie hat sich das Reden über katholische Amtskirche, Jesus und Theologie verändert? Und ist christlicher Glaube heute ein Distinktionsmerkmal für Dandys, die sonst alles schon ausprobiert haben?

    Die beiden ZEIT-Redakteure diskutieren im Feuilletonpodcast über ihre Lieblingsstellen aus der Bibel und ihre Kindheitserinnerungen an Krippenspiel und Erstkommunion. Sie unterziehen sich dem Christencheck: Wie ging noch mal das Vaterunser? Und das Ave Maria? Oder gar das Glaubensbekenntnis? Und sie sprechen im Feuilletonpodcast unter anderem über Emmanuel Carrères faszinierendes Buch "Das Reich Gottes", in dem der französische Schriftsteller seine eigene religiöse Phase reflektiert.

    Weitere Informationen:
    Auf Weihnachten zu verzichten ist ein Privileg
    https://www.zeit.de/campus/2020-12/familienbesuch-lockdown-corona-weihnachten-alter-pflege-einsamkeit

    Wie kommen wir zur Besinnung?
    https://www.zeit.de/2020/53/weihnachtszeit-corona-lockdown-stress-stille-besinnung

    Lügner, Mörder, Satan
    https://www.zeit.de/2018/48/der-widersacher-roman-emmanuel-carrere-moerder-monsieur-romand

  • Hübsche Menschen, die im Kreis sitzen, lächeln, in Tränen ausbrechen und danach überwältigt in die Kamera stammeln: "Ich verschmolz mit dem Mond!" oder "Ich fühle mich wie neugeboren!" – so kann man in der Netflix-Serie "The Goop Lab" von und mit Hollywood-Schauspielerin Gwyneth Paltrow dabei zusehen, wie sie und ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen extreme Therapieformen an sich selbst ausprobieren.

    Auf Jamaika werfen sie unter Therapeutenaufsicht Pilze ein, im Lake Tahoe geht es mit einem Trainer für Kältetherapie zum Eisbaden bei 7 Grad Celsius, es werden krasse Diäten befolgt, Energiemassagen durchgeführt und eine Orgasmus-Expertin lehrt, wie Frauen den eigenen Körper lieben lernen können.Das Tolle dabei: Ganz egal, welche Heilungsmethode hier ausprobiert wird, sie funktioniert und ist als einmaliges überwältigendes Erweckungserlebnis mehr wert als jahrelanges, konventionelles und vor allem mühsames Abarbeiten an der eigenen Psyche in einer klassischen Gesprächstherapie oder Psychoanalyse.

    Ijoma Mangold und Nina Pauer widmen sich in der zwölften Episode des Feuilleton-Podcasts der Frage danach, was das jeweils aktuelle Sprechen über Heilungsmethoden in Gesellschaften über die Gegenwart aussagt. Wann ist Yoga eigentlich so gähnend alltäglich geworden? Warum sind heute alle hypersensibel? Was erzählen Moden wie Astrologie oder die Amazonas-Droge Ayahuasca über unseren kollektiven Seelenzustand? Passt Intervallfasten zu Sternenkunde? Und worauf hoffen wir eigentlich, wenn wir permanent die ganz große Heilung suchen, aber gleichzeitig immer schön die Kontrolle behalten wollen?

    Mehr zum Thema auf ZEIT ONLINE:

    Gottlos glücklich
    https://www.zeit.de/2020/29/yoga-glaube-kirche-tradition-ersatz-spiritualitaet

    Wer glaubt denn so was?
    https://www.zeit.de/2020/37/astrologie-sternzeichen-bedeutung-sterne-wissenschaft-esoterik

    Vom Feuer und vom Fieber
    https://www.zeit.de/kultur/2019-09/amazonas-regenwald-waldbraende-indigene-bevoelkerung-natur

    "Ich hatte Spiritualität völlig missverstanden"
    https://www.zeit.de/zeit-wissen/2019/06/psychedelischer-rausch-drogen-spiritualitaet-ich-aufloesung

    Kolonialisierte Praxis
    https://www.zeit.de/kultur/2019-09/yoga-geschichte-historie-sport-achtsamkeit-spiritualitaet

    Selbstoptimierung in Pastell
    https://www.zeit.de/kultur/film/2020-01/the-goop-lab-gwyneth-paltrow-netflix

    Warum muss Gwyneth immer "Wow" sagen?
    https://www.zeit.de/2020/07/the-goop-lab-gwyneth-paltrow-kritik

  • Das Land ist gespalten, die Polarisierung ist das Problem – wenn über Amerika gesprochen oder geschrieben wird, ist diese Diagnose schnell gestellt. Gleichzeitig stiegen in den letzten Jahren amerikanische Komiker zu den neuen "Public Intellectuals" auf, linksliberale politische Satire-Shows wie "Last Week Tonight" mit John Oliver oder die "Daily Show" wurden als Goldstandard der Comedy gefeiert – auch in Deutschland, wo das Publikum amerikanische Politik vermittelt bekam von Late-Night-Moderatoren und Comedians.Lässt sich aus der neuen Rolle der Comedians etwas lernen über die Polarisierung des Landes? In der neuen Ausgabe des Feuilleton-Podcasts "Die sogenannte Gegenwart" blicken Ijoma Mangold und Lars Weisbrod zurück und versuchen anhand von Stand-Up-Auftritten und Fernseh-Gags zu rekonstruieren, wie Amerika dort hingekommen ist, wo es jetzt steht. Die beiden ZEIT-Redakteure sprechen über das tragische Vermächtnis des Komikers Jon Stewart, der als Vater der zeitgenössischen Aufklärungssatire gilt; sie diskutieren darüber, ob Obama der beste Stand-Up-Komiker von allen war und sie fragen sich: Wer steht diesen Unterhaltungshelden auf der rechten Seite gegenüber? Sind Fox-News-Kommentatoren die Komiker für die andere Hälfte Amerikas? Oder kann die Stand-Up-Comedy noch Brücken schlagen zwischen den Lagern? Und wie geht es jetzt weiter für die US-Satiriker? Oder könnte in Zukunft eine andere Berufsgruppe die Rolle als Public Intellectuals übernehmen?Links und Quellen:- Der Komiker Jon Stewart als Gast in der CNN-Show “Crossfire” 2004: https://youtu.be/aFQFB5YpDZE?t=366- Der Komiker Stephen Colbert beim “White House Correspondents' Dinner” 2006: https://youtu.be/IJ-a2KeyCAY?t=52- Barack Obama beim “White House Correspondents' Dinner” 2011: https://www.youtube.com/watch?v=n9mzJhvC-8E- Jerry Seinfeld besucht Barack Obama im Weißen Haus in “Comedians in Car getting Coffee”: https://www.youtube.com/watch?v=t2waK7x8yWY- Louis CK “Of course, but maybe”: https://www.youtube.com/watch?v=XLGzFQg_1xc- Dave Chappelle äußert sich kritisch zur MeToo-Bewegung unter anderem in seinem Programm “Sticks & Stones”, abrufbar bei Netflix- Real Time with Bill Maher: https://de.wikipedia.org/wiki/Real_Time_with_Bill_Maher

  • “I’m tired of being part of a major historical event” – Ich will bitte nicht mehr dabei sein, wenn Geschichte passiert. Diesen Satz kann man im Jahr 2020 immer wieder auf Twitter lesen. Die Überforderung, die sich vor allem in den vergangenen Tagen angesichts der verdichteten dramatischen Weltlage bei vielen zeigt, ist ein Symptom unserer Gegenwart.
    Die politischen Verwerfungen in den USA, Trumps angsteinflößender Auftritt in der Wahlnacht, die Rekordinfektionszahlen mit Covid-19, die jüngsten Terroranschläge in Europa und die stetigen Mahnungen, bei alledem die sich zuspitzende Klimakatastrophe ja nicht zu vergessen, wirken nach: Es fühlt sich für viele zum ersten Mal so an, als würde in ihrer Anwesenheit gerade Geschichte passieren. Was ist das für ein Gefühl? Und was bedeutet es, dass vor allem Millennials damit so fremdeln?

    In der neuen Folge von “Die sogenannte Gegenwart” sprechen Nina Pauer und Lars Weisbrod über die schwindelerregende Verwunderung darüber, dass wir in solch geschichtsträchtigen Zeiten leben – und über das merkwürdige Gefühl, davon überrascht worden zu sein. Hatten wir das “Ende der Geschichte”, das nach 1989 ausgerufen wurde, nicht längst hinter uns? War Geschichte und Zeitzeugenschaft nicht etwas, das ins 20. Jahrhundert zu unseren Großeltern und Eltern gehörte? Woher kommt der Wunsch, heute jede politische Wendung als neue Staffel einer Serie zu beschreiben? Und was meinen wir eigentlich, wenn wir “Geschichte” sagen?

    Ob Geschichte bloß der Gegensatz zu einer kuscheligen Normalität ohne Trump und Corona ist, in die wir uns zurücksehnen, oder ob auch diese Normalität in Wirklichkeit nur eine Übergangsphase ist, in der sich zusammenbraut, was morgen als Geschichte über uns hineinbrechen wird, darum dreht sich die zehnte Episode des Feuilleton-Podcasts.

    Links und Infos:

    Die Doku über Fridays For Futures aus der Reihe “Arte Re” heißt “Streiken fürs Klima”.

    Wolfgang Streeck: "The Post-Capitalist Interregnum. The Old System Is Dying, But a New Social Order Cannot Yet Be Born". Appeared in Juncture, Vol. 23 (2016), No. 2, 68-77.

    Reinhard Mohr: "Zaungäste. Die Generation, die nach der Revolte kam". S. Fischer, 1992.

    Nora Krug: "Heimat: Ein deutsches Familienalbum". Penguin, 2018.

    Mark Fisher: "Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Eine Flugschrift". VSA-Verlag, 2013.

  • Eigentlich schaut die deutsche Gesellschaft mit großem Misstrauen auf den Kapitalismus, auf Investments und Unternehmen, nur in der Vox-Show “Höhle der Löwen” ist das anders. Hier pitchen Gründerinnen und Gründer am laufenden Band neue Geschäftsideen: Apps für den "digital detox", Milch aus Erbsen, Anti-Matsch-Säcke, in denen man die eigenen Kinder verstauen kann oder die sich selbst reinigende Klobürste, die den Markt revolutionieren könnte. Ein Team nach dem anderen tritt mit seinen Ideen an, um die Löwen, also die Investorinnen und Investoren mit ihren gefüllten Kriegskassen, für sich und ihr Produkt gewinnen zu können.

    Damit werden in dieser Castingshow, in der die Löwen ihr echtes, eigenes Kapital einsetzen, all jene Tugenden, die sonst als Gier und egoistisches Freiheitsstreben abgelehnt werden, gefeiert. Die Jury besteht auch nicht aus Heuschrecken, sondern aus Löwen, um deren Kraft und Unterstützung die Entrepreneure buhlen. Wird ein Deal geschlossen, fallen sich alle stürmisch in die Arme.

    Was sagt uns dieses Fernsehformat? Wird der Gründergeist endlich sexy? Oder warum hat die Sendung ein solches Suchtpotenzial?
    Für den Feuilleton-Podcast “Die sogenannte Gegenwart” ist sie in jedem Fall das perfekte Thema, denn gewissermaßen präsentiert die Show einen einzigen großen Gegenwartscheck. Bei jeder Investment-Entscheidung geht es schließlich um die Frage: Gibt es einen Markt für dieses Produkt oder ist dieser schon gesättigt? Braucht man wirklich noch mehr vegane Fertigkost im Einwegglas? Haben sich Fitnesstools für noch mehr Muskelaufbau nicht doch lang schon erledigt? Und was würde eigentlich die Aufräumkönigin Marie Kondo zu all den neuen Produkten wie der mobilen Po-Dusche sagen, die vielleicht schon nach einer Woche wieder unbenutzt in der Ecke liegt?
    Für das Feuilleton hat die Sendung einen hohen soziologischen Wert, nicht zuletzt, weil sie Geschichten über soziale Mobilität erzählt: Wer hat den Wagemut, Esprit, die Leidenschaft und den Optimismus, ein eigenes Business aufzustellen?

    Kurz: Nina Pauer und Ijoma Mangold reden diesmal über ein Genre, das für Feuilletonverhältnisse ungewöhnlich viel Zukunftszuversicht ausstrahlt. Wäre da nicht die Tiefkühlkost. Denn auch das lehrt “Die Höhle der Löwen”: Die größte Herausforderung ist und bleibt das Segment gekühlter Food-Innovationen. Deshalb: Finger weg von der Kühlkette!

  • Kalifornien brennt. Die Waldbrände haben längst San Francisco und das Silicon Valley erreicht. Bis in die späten Nullerjahre galt die sogenannte Bay Area an der Westküste der USA als utopischer Ort: Hier wurde dank Digitalisierung eine bessere Zukunft für die Menschheit errungen, eine Zukunft der Teilhabe, der direkten Demokratie, der Transparenz und Herrschaftsfreiheit.

    In den vergangenen zehn Jahren jedoch ist das Silicon Valley zum dystopischen Ort geworden: Die großen Tech-Konzerne überwachen jede unserer Lebensregungen, ihre Algorithmen steuern die Menschheit, künstliche Intelligenz schafft die freien Subjekte ab. Sind die Waldbrände in Nordkalifornien nur das sichtbarste Zeichen für das Ende des Optimismus, der von der Sehnsuchtsformel Silicon Valley ausgeht?

    Ein Buch und eine Serie jedenfalls eröffnen in diesem Herbst eine ganz neue Perspektive auf die amerikanische Tech-Industrie: “Code Kaputt” heißen die Memoiren der Schriftstellerin Anna Wiener, die aus dem New Yorker Literaturbetrieb floh und jahrelang im Silicon Valley arbeitete. Und "Devs" heißt die neue Serie von Science-Fiction-Star Alex Garland, der uns die Welt der Milliardäre und Entrepreneure von ihrer gruseligsten Seite zeigt. Über das Buch und die Serie und vieles mehr diskutieren Ijoma Mangold und Lars Weisbrod in der neuen Folge des Podcast “Die sogenannte Gegenwart”.

    Das Buch “Code Kaputt” von Anna Wiener
    https://www.droemer-knaur.de/buch/anna-wiener-code-kaputt-9783426277737

    Der Roman “Ich hasse dieses Internet” von Jarett Kobek
    https://www.fischerverlage.de/buch/jarett-kobek-ich-hasse-dieses-internet-ein-nuetzlicher-roman-9783596297863

    Die Serie “Devs” von Alex Garland
    https://www.werstreamt.es/serie/details/1587558/devs/

    Alex Garlands Film “Ex Machina”
    https://www.werstreamt.es/film/details/575489/ex-machina/

  • Seit Monaten geistert der Begriff “Cancel Culture” durch unsere Debatten. Gemeint ist damit: Angeblich manipulieren linke Kulturkämpfer unsere Öffentlichkeit, damit missliebige Personen und Meinungen keine Bühne mehr bekommen. Als Beispiele dafür gelten die Geschehnisse um die Kabarettistin Lisa Eckhart, die nicht wie geplant bei einem Hamburger Literaturfestival auftritt – oder der interne Streit bei der New York Times, ausgelöst durch den Gastbeitrag eines Politikers, der den Einsatz des US-Militärs gegen Demonstranten in amerikanischen Städten forderte.

    In der neuen Folge unseres Feuilleton-Podcasts streiten Ijoma Mangold und Lars Weisbrod: Gibt es so etwas wie Cancel Culture? Und wenn es sie gibt, was stört Liberale daran, dass Menschen von ihrer Freiheit gebrauch machen, die Bühne nur mit den Leuten zu teilen, auf die sie Lust haben? Was genau sollen die “unlauteren” Methoden sein, durch die sich Cancel Culture auszeichnet? Oder ist das linke Woke-Milieu so autoritär geworden, dass es nicht einmal mehr erträgt, dass seine aktivistischen Strategien durch den Begriff Cancel Culture problematisiert werden? Muss das Offensichtliche geleugnet werden?

    Während Ijoma Cancel Culture erkennt und befürchtet, unsere Debattenlandschaft könnte durch sie veröden, hat Lars viel mehr Angst davor, dass wir unter diesem Schlagwort eine sinnlose Gespensterdiskussion führen, aus der wir nicht mehr herausfinden. Er würde sich aber trotzdem freuen, wenn auch der Feuilleton-Podcast “Die sogenannte Gegenwart” endlich gecancelt würde – denn dann wären wir in aller Munde.

  • Selten haben wir so grundsätzlich über unsere Arbeitswelt nachgedacht wie in diesem irren Jahr 2020. Plötzlich sprachen alle von "systemrelevanten" Jobs, die viel zu schlecht bezahlt sind, von Homeoffice – und sogar die 4-Tage-Woche ist endlich wieder Thema.

    Die in den letzten Monaten neu entflammte Debatte dürfte auch dem Kapitalismuskritiker David Graeber gefallen haben, der am 2. September überraschend gestorben ist. Mit seinem Buch "Bullshit Jobs" hat er unsere heutige Arbeitswelt aufs Heftigste kritisiert: Viel zu viele Menschen müssen viel zu viel Lebenszeit mit unnützen Tätigkeiten verbringen, sei es sinnloser Papierkram oder ineffizientes Stunden-Absitzen im Büro.

    Graebers These diskutieren Nina Pauer und Lars Weisbrod in der neuen Folge des Feuilleton-Podcasts “Die sogenannte Gegenwart”: Wieso arbeiten wir trotz technischem Fortschritt immer noch so viele Stunden am Tag? Wieso gibt es überhaupt all diese Büroarbeiterinnen und -arbeiter, die Evaluationsberichte schreiben, die nie jemand liest? Ist Arbeiten um der Arbeit willen nicht längst obsolet geworden?

    Links zur Podcast-Folge:

    David Graeber: "On the Phenomenon of Bullshit Jobs" (https://www.strike.coop/bullshit-jobs/)

    David Graeber: "Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit" (https://www.klett-cotta.de/buch/Gesellschaft_/_Politik/Bullshit_-_Jobs/96701)

    Florian Wagner: "Rente mit 40. Finanzielle Freiheit und Glück durch Frugalismus" (https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/rente-mit-40-9783430210171.html)

    Madame Moneypenny (https://madamemoneypenny.de/buecher/)

    Ryder Carroll: "Die Bullet Journal Methode. Verstehe deine Vergangenheit, ordne deine Gegenwart, gestalte deine Zukunft" (https://www.rowohlt.de/taschenbuch/ryder-carroll-die-bullet-journal-methode.html)

  • Hach, wie schön, wenn sich gut aussehende Menschen ineinander verlieben und wir ihnen in Filmen dabei zusehen dürfen, wie sie glücklich werden. Endlose Songs und Bücher erzählen vom Gelingen der Liebe – bloß was, wenn sie scheitert? Damit beschäftigen sich die ZEIT-Redakteurin Nina Pauer und der ZEIT-Kulturkorrespondent Ijoma Mangold in dieser Folge des Feuilleton-Podcasts.

    In der emotionalen Moderne, heißt es, sei alles flüchtig geworden. Stabile Bindungen lösen sich auf. Ehen werden nicht mehr nach dem Schuld-, sondern nach dem Zerrüttungsprinzip geschieden, wenn die Liebe an Intensität einbüßt, wird die Beziehung, Ort auch der sexuellen Selbstverwirklichung, aufgegeben. Jederzeit kann ein Reset durchgeführt werden und dann beginnt alles von vorne. Die israelische Soziologin Eva Illouz, über deren Buch "Warum Liebe endet" sich Ijoma Mangold und Nina Pauer dieses Mal unterhalten, attestiert unserer Gegenwart eine "Kultur der Lieblosigkeit". Schuld daran sei der Kapitalismus. Aber sind wir nicht auch autonome Subjekte, die selbst für ihre Gefühle und Handlungen und Entscheidungen verantwortlich sind?

    Was erzählen uns Filme und Bücher über die Liebe und deren Ende heute? Im Film "Marriage Story" mit Scarlett Johansson und Adam Driver wird das Ende einer Ehe gezeigt, und das Raffinement des Films besteht gerade darin, dass es unmöglich für den Zuschauer ist, sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen: Die Sache ist einfach verflixt.

    Auch die Schriftstellerin Sally Rooney erzählt in ihrem aktuellen Bestseller "Normale Menschen" von zwei Menschen, bei denen die Leserinnen und Leser denken: It's a match! Und doch, herrje, will es nicht klappen. Hat es mit der unterschiedlichen Klassenlage der beiden Protagonisten zu tun? Oder was sträubt sich in den Psychen der Zeitgenossen gegen das verbindliche Liebesversprechen? Wenn Polyamorie und Tinder nicht die Lösungen sind, brauchen wir vielleicht wieder eine Renaissance der Kupplerin wie in der Netflix-Serie "Indian Matchmaking", in der eine indische Heiratsvermittlerin begleitet wird, die weiß: "The ego is the problem!" In Folge fünf unseres Feuilleton-Podcasts "Die sogenannte Gegenwart" widmen sich Nina Pauer und Ijoma Mangold der modernen Liebe.

  • Zwei Ärzte und ein offenes Gehirn – sieht so die beste TV-Serie des Jahres aus? Nina Pauer und Lars Weisbrod meinen: Ja! Seit Wochen schreiben sich die beiden bei WhatsApp aufgeregte Nachrichten, wenn eine Szene aus der Doku "Lenox Hill" sie wieder umgehauen hat: Auf Schritt und Tritt darf man in den acht Folgen die Ärzte und Ärztinnen eines New Yorker Krankenhauses viele Monate lang begleiten, in der Neurochirurgie, der Notaufnahme und der Geburtshilfe. Und weil plötzlich das Coronavirus in der Stadt ausbricht, erfährt man in der letzten Folge auch noch, wie es aussah, als das New Yorker Gesundheitssystem fast zusammengebrochen wäre. Ein Einblick, den es im Fernsehen so noch nie gab und der ein ganz neues Genre der Krankenhausserie begründet.
    Nina Pauer und Lars Weisbrod sprechen über die großen Themen, die "Lenox Hill" zum besten Feuilletonstoff machen: Warum bewundern wir die Neurochirurgen David und John so sehr? Ist der Beruf des Arzts wirklich das genaue Gegenteil zu einem Bullshitjob? Die ZEIT-Redakteurin und der ZEIT-Redakteur reden über Hirn-OPs und Skalpellarbeit und fragen sich: Wieso scheint so eine explizite Darstellung von Körperlichkeit so faszinierend – ausgerechnet im Zeitalter der unsichtbaren Bedrohung Krebs? Wie wichtig ist die "sprechende Medizin", also das Verhältnis von Arzt und Patient? Und gibt es vielleicht sogar so etwas wie eine integrative politische Kraft des gemeinsamen Kampfes gegen die Krankheit? Kommen im Krankenhaus Lenox Hill die liberalen Eliten aus New York und die Trump-Wähler aus dem Hinterland zusammen und ziehen an einem Strang?
    In Folge 4 unseres Feuilleton-Podcasts "Die sogenannte Gegenwart" erzählen Nina Pauer und Lars Weisbrod, warum ihre neue Lieblingsserie "Lenox Hill" so viel über unser Jetzt verrät.

  • Wir reden zu wenig über Klasse und Kapitalismus, und wenn wir es tun, dann nicht schlau genug – Ijoma Mangold und Lars Weisbrod zeigen in der dritten Folge des ZEIT-Podcasts "Die sogenannte Gegenwart", wie es besser geht.
    Wenn Identitätspolitik kritisiert wird, heißt es dauernd: "Redet weniger über Genderklos, redet lieber über Klasse! Get real!" Stimmt, nur bleibt es meistens leider bei der bloßen Forderung, ohne dass wirklich über Klasse geredet würde. Ijoma Mangold und Lars Weisbrod wollen das in der dritten Folge des Feuilleton-Podcasts anders machen: Sie reden diesmal über Klasse und Kapitalismus! Und über Gangsta-Rap.
    Denn was ist mehr Gegenwart als der Kapitalismus, in dem wir alle leben? Das Problem nur: Obwohl dieser verdammte Kapitalismus allgegenwärtig ist und uns jeden Tag umgibt, scheint es gar nicht so einfach, ihn schlau zu beobachten.
    Ijoma erklärt, warum so vieles, was im Ton der Wehleidigkeit als Kapitalismuskritik vorgetragen wird, reiner Kitsch ist und mehr mit einem Unbehagen in der Kultur zu tun hat als mit der Klassenfrage. Der schlimme Leistungsdruck, die Selbstoptimierung der Subjekte, das Gefühl der Entfremdung – all das sind Phänomene, die in Wahrheit mehr mit der menschlichen Natur zu tun haben als mit kapitalistischen Strukturen.
    Lars erzählt, warum für ihn der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll schuld daran ist, dass wir in Deutschland zu wenig und zu falsch über ökonomische Fragen sprechen – seine furchtbare Anekdote vom Fischer am Meer hat viel zu lange geprägt, wie wir in Deutschland über Kapitalismus nachdenken. Deswegen hat Lars eine wichtige Lektion erst von Gangsta-Rappern lernen müssen: Es geht im Leben eben doch ums Geld! Vor allem für Arbeiterkinder wie ihn.
    Und weil die beiden schon mal beim Thema Gangsta sind: Am Ende streiten Ijoma und Lars sich über eine Schlüsselszene aus der deutschen Serie “4 Blocks”, in der Berliner Clan-Kriminelle Böll zitieren. Dabei geht es um nichts weniger als die großen Frage: Was es heißt, im Kapitalismus zu leben. Geht es wirklich um Konkurrenz, bei der die besten gewinnen? Oder ist das Spiel manipuliert? Und was sollen wir tun? Lieber die Erbschaftsteuer erhöhen oder mehr Menschen an die Kapitalmärkte bringen?
    Außerdem werden in der Rubrik Gegenwartscheck brandaktuelle Phänomene unserer Gegenwart aufgespürt und gedeutet: Warum der klitzekleine Schreibtisch auf dem Vormarsch ist, wie Kanye West sein iPhone einsetzt und weshalb das Wort "Skalieren" bei "deinem Onlinebusiness" so eine Konjunktur erlebt.

    Sie erreichen das Team unter gegenwart@zeit.de.

  • "Hmmm!" und "lecker!" – so hieß es früher beim Fernsehkoch Alfred Biolek, der mit hochgezogenen Augenbrauen und Weinglas in der Hand in dampfende Töpfe schaute und völlig schambefreit mit Brühwürfeln und Ketchup-Flaschen hantierte. Es folgte die Zeit der Studioküchen mit Johannes B. Kerner, später mit Markus Lanz, bei denen alle Zutaten zurechtgeschnitten in kleinen Schüsselchen bereitlagen.

    Heute hat sich die Welt der Kochshows dagegen stark ausdifferenziert: Ein regelrechtes Universum an Sendungen auf Netflix und YouTube ist entstanden, ein Megatrend rund um das perfekte Verarbeiten von Lebensmitteln. Was sagt diese neue Obsession mit dem Kochen über unsere Gegenwart aus? Warum beneiden wir Zuschauer eine zahnlose alte Indonesierin um ihren Süßigkeitenstand auf den Straßen von Java? Und ist die Begeisterungsfähigkeit eines französischen Starkochs für seine eigenen Kreationen und die Anmut seiner Handgriffe auf Dauer nicht doch etwas nervig?

    Immer geht es dabei um eine Lebensform und das Zelebrieren von Individualität: Sinnlichkeit als Distinktionsmerkmal. Sie ist ein Antidot zur Digitalisierung. Sie verbindet den Menschen wieder mit der Elementarität der Natur, und wenn sich die Proteine des T-Bone-Steaks unter der Einwirkung von Hitze in Röstaromen verwandeln, kehrt der Mensch zurück zur Urszene der Anthropogenese: Denn Mensch wurde der Homo sapiens erst, als er lernte, seine Nahrung zu kochen: Ab diesem Moment war er nicht mehr, wie die anderen Primaten, den halben Tag mit Kauen beschäftigt. Seine Kiefermuskeln konnten sich zurückbilden und gaben Raum frei für mehr Hirnmasse.

    Nina Pauer und Ijoma Mangold analysieren die neuen Kochshows und ihren Lifestyle.

  • Dieses Buch wird eine Jugendbewegung auslösen, freuen sich die einen. Dieses Buch nervt einfach nur komplett, jammern die anderen. In "Allegro Pastell" von Leif Randt fahren sorglose Millennials im Tesla durch die Gegend, und wenn sie mal in Stimmung kommen wollen, nehmen sie gut dosiert Ecstasy oder spielen gleich Badminton. Das einzige Problem, was die Helden des Romans noch plagt: Sie sind so sensibel für alle Schwingungen der Gegenwart, dass sie sich fortlaufend gestochen scharf selbst dabei beobachten, wie sie leben – und selbst den Kontrollverlust noch unter Kontrolle kriegen.

    Sind diese 288 Seiten jetzt genial oder bloß ein bisschen langweilig? Auf jeden Fall kommt "Allegro Pastell" der Gegenwart ziemlich nah, finden Ijoma Mangold und Lars Weisbrod – und haben den Roman deswegen zum Thema der allerersten Folge des neuen Feuilleton-Podcasts "Die sogenannte Gegenwart" gewählt. Sie lassen sich die besten Stellen von Apples Sprachassistentin Siri vorlesen und bald wird klar, worum es hier eigentlich geht: die politische Gegenwart. Denn zeigen Leif Randts Figuren nicht vor allem, dass links sein und "woke" sein heute vor allem eins heißt – man darf endlich hemmungslos narzisstisch daherreden?

    Die beiden Feuilletonisten streiten über diese und andere Fragen, außerdem erzählt Lars Weisbrod, warum er auch so gern Elektroautos fährt, und Ijoma Mangold sagt den Tesla-Börsenkurs voraus.