Episodit
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Der Schweizer Autor Pedro Lenz hat «Mit linggs» ein berührendes Buch über den Ausnahme-Fussballer Diego Maradona geschrieben. Und die italienische Autorin Gabriella Zalapì erzählt eine aufwühlende Familiengeschichte.
Der Buchtitel «Mit linggs» spielt auf den starken linken Fuss von Diego Armando Maradona an, den für viele besten Fussballer, den es je gab. Pedro Lenz lässt in seinem Buch, das zum gleichnamigen Bühnenprogramm erscheint, Maradona sein Leben aus der Ich-Perspektive erzählen. Lenz' Maradona ist ein Melancholiker zwischen Grössenwahn und Selbstlosigkeit.
«Mit linggs» konfrontiert die Lesenden ungeschützt mit der emotionalen Achterbahn des ballverliebten Jungen, der die Welt erobert und an dieser Welt zerbricht. Sehr berührend, sehr anregend, findet Markus Gasser, der das Buch vorstellt.
Die achtjährige Ilaria hängt kopfüber an einer Metallstange auf dem Schulhof in Genf, als ihr Vater sie mit dem Auto abholt. Anstatt sie zur Mutter zu bringen, fährt er mit Ilaria über die Grenze nach Italien. Es ist der Beginn einer Entführung, die zwei Jahre dauern wird.
Für ihren Roman hat sich die französischsprachige Schriftstellerin mit Schweizer Wurzeln, Gabriella Zalapì, von ihrer eigenen Lebensgeschichte inspirieren lassen. Aus der Perspektive des Kindes schildert sie Ilarias Angst und Verunsicherung – und zugleich die tiefe Zuneigung zu einem Vater, der die Trennung von seiner Frau nicht akzeptieren kann. Für Tim Felchlin ist es ein aufwühlender Roman, der neben seiner Ernsthaftigkeit aber auch eine feine Italien-Nostalgie der 1980er-Jahre heraufbeschwört.
Kurztipp: Das Sach-Bilderbuch «Auf in die Berge!» gewinnt den diesjährigen Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Die Illustratorin Katja Seifert erzählt darin von der Geschichte des Bergsteigens. Das wunderschön illustrierte Buch thematisiert vieles: Wissenswertes, die mystische Wirkung der Berge, Herausforderungen, Veränderung und Gefährdung. Empfehlenswerte Lektüre für die ganze Familie.
Buchhinweise:
Pedro Lenz. Mit linggs. 120 Seiten. Der gesunde Menschenversand, 2026.
Gabriella Zalapì. Ilaria. 162 Seiten. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Suhrkamp, 2026.
Katja Seifert. Auf in die Berge!. 64 Seiten. NordSüd, 2025.
Wiederholung der Sendung Literaturclub Buchtipps vom 17.02.2026 -
Mit «Trag das Feuer weiter» beendet die marokkanisch-französische Schriftstellerin Leïla Slimani ihre autorbiografisch verwurzelte Familiensaga und mit «Der Fluss der Zeit» erscheinen nochmals Kurzgeschichten aus dem Nachlass des verstorbenen Schweizer Erfolgsautors Pascal Mercier.
Man kennt ihn für seinen Bestseller «Nachtzug nach Lissabon»: Pascal Mercier. 2023 verstarb der Schweizer Schriftsteller. Nun erscheint posthum ein Band mit Kurzgeschichten aus seinem Nachlass. «Der Fluss der Zeit» ringt mit elementaren Themen wie Freiheit, Identität und Vergänglichkeit. Fünf philosophische Miniaturen. Die letzte Zugabe Pascal Merciers. SRF-Literaturredaktorin Katja Schönherr stellt den Erzählband vor.
Mit «Trag das Feuer weiter» vollendet Leïla Slimani ihre dreiteilige Familiensaga. Die Trilogie erzählt von der 1974 in Marokko geborenen Mia, die zwischen Tradition und Globalisierung ihren Weg sucht und in Paris eine zweite Heimat findet. So baut Slimani Brücken zwischen Orient und Okzident und zeigt, wie Politik ins Private wirkt. Multiperspektivisch, lebendig, nah an der Realität liest sich Slimanis Roman in einem Zug weg, findet SRF-Literaturredaktorin Annette König.
Buchhinweise:
Pascal Mercier. Der Fluss der Zeit. 112 Seiten. Hanser, 2026.
Leïla Slimani. Trag das Feuer weiter. 448 Seiten. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand, 2026.
Wiederholung der Sendung Literaturclub Buchtipps vom 13.01.2026 -
Puuttuva jakso?
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Die Schweizer Autorin Caroline Roger erzählt in ihrem Debütroman von einer Kindheit im Gastrobetrieb. Und die indische Booker-Preisträgerin von zwei jungen Menschen, die nach Liebe suchen.
Die Schweizer Autorin Caroline Roger erzählt in ihrem Debütroman «Unter Gästen» von einer Kindheit im Gastrobetrieb, zwischen dem lebendig-wuseligen Bistro der Mutter und dem französisch-eleganten Restaurant des Vaters. Sie nimmt uns mit an die Tische unterschiedlicher Gäste und begegnet ihnen mit genauem, empathischem Blick. Auch wenn die Erzählerin für ihre Eltern nie im Zentrum steht, erfährt sie auf tröstliche Weise doch, woraus Familie bestehen kann: aus Menschen, mit denen man sich verbunden und von denen man sich getragen fühlt, aus Lebenden und aus Toten.
Die indische Booker-Preisträgerin Kiran Desai hat mit «Die Einsamkeit von Sonia und Sunny» einen dicken Schmöker geschrieben. 750 Seiten. 20 Jahre lang hat Desai daran gearbeitet. Herausgekommen ist ein Epos über zwei junge entwurzelte Menschen namens Sonia und Sunny, die nach Liebe suchen. Bewegend und modern ist dieser Roman, und man erfährt viel über das heutige Indien. Ein Buch, das das Gefühl von Vereinsamung in einer globalisierten Welt festhält.
Buchhinweise:
Caroline Roger. Unter Gästen. 208 Seiten. Limmat, 2026.
Kiran Desai. Die Einsamkeit von Sonia und Sunny. Aus dem Englischen von Robin Detje. 752 Seiten. S. Fischer, 2026. -
Die heute vorgestellten Bücher erzählen von einer Reise in die Vergangenheit: Nothomb trifft in Japan auf ihr früheres Ich, Hübl lässt seine Figuren in die Tschechoslowakei der 1950-er Jahre fahren.
Die belgische Autorin Amélie Nothomb kehrt nach Jahren mit einer Freundin nach Japan zurück. Japan ist der Sehnsuchtsort ihrer Kindheit und frühen Erwachsenenjahre. Zwischen Kyoto, Nara und Tokio entfaltet sich eine Reise voller Wiederentdeckungen, Irritationen und leiser Komik. Doch je näher sie den Orten ihrer Vergangenheit kommt, desto deutlicher wird: Eine Rückkehr ist unmöglich. Nostalgisch, selbstironisch und berührend erzähle Nothomb von der Begegnung mit dem früheren Ich, meint Annette König.
Der tschechische Autor Ondřej Hübl schickt seine Figuren auf eine Ferienreise der ganz besonderen Art: Josef Kaarls, schwerreicher Besitzer einer KI-Firma, will seiner antikapitalistisch aufbegehrenden Tochter zeigen, wie schlimm der Kommunismus gewesen sei. Darum bezahlt er ein kleines Vermögen dafür, dass eine darauf spezialisierte Firma ihn und seine Familie für einige Zeit in den tschechischen Kommunismus der 50er-Jahre zurückversetzt. Nur klappt das mit der Rückreise dann nicht ganz – und in der Folge entwickelt sich ein fast thrillerartiges Szenario rund um die Fragen, wer eigentlich gerade wen in der Hand hat und was Geld dabei für eine Rolle spielt. Simon Leuthold war von diesem Buch, das er trotz des künstlichen Settings in den 50er-Jahren für ziemlich aktuell hält, bestens unterhalten.
Buchhinweise:
Amélie Nothomb. Die unmögliche Rückkehr. Aus dem Französischen von Brigitte Grosse. 144 Seiten. Diogenes, 2026.
Ondřej Hübl. Der Vorhang. 400 Seiten. Aus dem Tschechischen von Daniela Pusch. Voland & Quist, 2026. -
Friedrich Schiller, Tim Krohn, Martina Clavadetscher. Zum Tag der Schweizer Literatur stellen Markus Gasser und Simon Leuthold Schweizer Bücher vor, die sich auf Schweizer Sagen und Mythen beziehen.
Sagen sind literarisch, schon aufgrund ihrer Zutaten: die einfache Erzählung, der geografisch definierte Schauplatz, die Handlung, die für etwas Allgemeineres steht. Dazu greift häufig das Übersinnliche oder Unerklärliche ein. Kein Wunder, bedienen sich Autorinnen und Autoren immer wieder bei Sagenstoffen und schreiben sie weiter. Ohne Schiller wäre Tell vielleicht nie zu grossem Ruhm gekommen. Ohne Frisch wäre Tell der unberührbare Sockelheld geblieben. Literaturclub Buchtipps mit Markus Gasser und Simon Leuthold stellt eine Reihe von Schweizer Romanen vor, deren Wurzeln in der hiesigen Sagenwelt liegen.
Buchhinweise:
· Martina Clavadetscher. Die Schrecken der anderen. 333 Seiten. C.H. Beck, 2025.
· Max Frisch. Wilhelm Tell für die Schule. 112 Seiten. Suhrkamp, 2026.
· Sophie Hunger. Walzer für Niemand. 192 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, 2025.
· Tim Krohn. Quartemberkinder. 320. Diogenes, 2018.
· Tim Krohn. Vrenelis Gärtli. 432 Seiten. Diogenes, 2010.
· Joachim B. Schmidt. Tell. 288 Seiten. Diogenes, 2022.
· Hansjörg Schneider. Sennetuntschi. Mit einem Bericht von Thomas Hürlimann und einem Nachwort von Ulrich Weber. 224 Seiten. Diogenes, 2024.
· Friedrich Schiller. Wilhelm Tell. 168 Seiten. Reclam, 2025.
· C. F. Ramuz. Die grosse Angst in den Bergen. Antiquarisch erhältlich -
In dieser Bücherschau geben die SRF-Literaturredaktor:innen Einblick in ihre ganz persönlichen Lesevorlieben und teilen Bücher, die sie begeistert, überrascht oder berührt haben.
Markus Gasser, Jennifer Khakshouri, Michael Luisier und Felix Münger sind zu Gast bei Annette König an den Solothurner Literaturtagen. Der Anlass fand vor Publikum statt und wurde am Sonntag, den 17. Mai in der Cantina del Vino in Solothurn aufgezeichnet.
Buchhinweise:
· Gianna Olinda Cadonau. Am Kantenhain. 133 Seiten. Lenos, 2026.
· Veronika Sutter. Mein Bett gehört mir nur in der Nacht. 216 Seiten. Edition 8, 2026.
· Elizabeth Strout. Erzähl mir alles. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. 400 Seiten. Luchterhand, 2026.
· Dimitré Dinev. Zeit der Mutigen. 1154 Seiten. Kein & Aber, 2026.
· Olivier Guez. Die Welt in ihren Händen. Die Abenteuer der Getrude Bell in Mesopotamien. Aus dem Französischen von Nicola Denis. 416 Seiten. Kiepenheuer & Wisch, 2026.
· Steff Stauffer. Gisch was hesch. 140 Seiten. Cosmos, 2026.
· Lika Nüssli. Starkes Ding. Die Geschichte eines Verdingkindes, basierend auf den Erinnerungen meines Vaters. 232 Seiten. Edition Moderne, 2022.
· Dana Grigorca. Tanzende Frau, blauer Hahn. 160 Seiten. Penguin, 2026.
· Natascha Wodin. Die späten Tage. 288 Seiten. Rowohlt, 2026. -
Der Krieg und seine Folgen im aktuellen Roman von Norbert Gstrein und eine Coming-of Age-Geschichte in der Pariser Banlieue von Fatima Daas. Dies die Themen in unserer Buchtipps-Sendung.
Der Österreicher Norbert Gstrein erzählt in seinem aktuellen Buch «Im ersten Licht», wie Krieg Menschen zerstört – auch dann, wenn sie selbst gar nicht daran teilnehmen. Der Roman sei ein überzeugender Antikriegsroman und dabei hoch aktuell, sagt Literaturredaktor Felix Münger, der das Buch im Gespräch vorstellt.
Kayden wächst in der Pariser Banlieue auf. Zwischen Schule, Freundschaft und familiärer Enge entdeckt sie ihre Gefühle für ihre Literaturlehrerin Garance. In einer kraftvollen und lebendigen Sprache erzählt Fatima Daas von der Notwendigkeit, sich neu zu erfinden, um eine Zukunft zu haben. Ein intensiver, moderner Coming-of-Age-Roman, mit politischem, emotionalem und atmosphärischem Zündstoff, findet Literaturredaktorin Annette König.
Buchhinweise:
Norbert Gstrein. Im ersten Licht. 416 Seiten. Hanser, 2026.
Fatima Daas. Spiel das Spiel. Aus dem Französischen von Sina de Malafosse. 192 Seiten. Claassen, 2026. -
Der italienische Bestsellerautor Roberto Saviano erzählt in seinem neuen Roman von Liebe, Mafia und Tod. Und die österreichische Autorin und Soziologin Birgit Birnbacher widmet sich in ihrem neuen Roman dem Thema ADHS.
Vor zwanzig Jahren zeigte Roberto Saviano als Investigativjournalist mit seinem Weltbestseller «Gomorrha» die Strukturen und Machenschaften der Camorra auf. Seit dann haben seine Arbeit und sein Erfolg als Autor einen hohen Preis: Saviano lebt unter ständigem Polizeischutz. Nun legt er einen neuen Roman vor. In «Meine Liebe stirbt nicht» erzählt er von Liebe, Mafia und Tod und zwar auf eine Weise, die Saviano-Fans mitreisst, findet Jennifer Khakshouri. Sie empfiehlt das Buch.
Wie geht man um mit einem Kind mit ADHS? Wie wehrt man sich gegen Zuschreibungen? Und vor allem: Welche Chancen bietet der «Wildwuchs im Denken» für die Gesellschaft? Die Schriftstellerin und studierte Soziologin Birgit Birnbacher hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt und mit «Sie wollen uns erzählen» einen bedeutenden Beitrag zu einem aktuellen Thema geleistet. Inhaltlich wie literarisch findet Literaturredaktor Michael Luisier.
Buchhinweise:
Roberto Saviano. Meine Liebe stirbt nicht. Aus dem Italienischen von Anna und Wolf Leube. 400 Seiten. Hanser, 2026.
Birgit Birnbacher. Sie wollen uns erzählen. 224 Seiten. Zsolnay, 2026. -
Die Nachwendejahre in Rumänien und die Begegnung mit dem eigenen Folterknecht im aktuellen Roman von Catalin Dorian Florescu sowie die Liebe im fortgeschrittenen Alter bei Thomas Hettche – dies die Themen in unserer Buchtipps-Sendung.
Matei musste wegen politischer Gedichte furchtbare Jahre im rumänischen Straflager verbringen. Jahre nach der Wende trifft er plötzlich seinen Folterknecht wieder. Dunkle Erinnerungen bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche und lassen Rachegelüste keimen. Ein Roman, der Rumäniens Niedergang während der kommunistischen Diktatur und die darauffolgende Unsicherheit angesichts der Wende vielfältig beleuchtet. Restlos überzeugt ist Simon Leuthold dennoch nicht von Catalin Dorian Florescus aktuellem Roman.
Thomas Hettches Roman «Liebe» ist ein leiser, intensiver Roman über eine späte Leidenschaft, die zwei Menschen völlig aus der Bahn wirft. Präzise, zärtlich und schmerzhaft zeigt Hettche, wie Liebe im Alter an Kraft gewinnt, weil sie weniger Zeit hat. Ein Buch über Sehnsucht, Verletzlichkeit und das Staunen darüber, dass einen ein Gefühl noch einmal so überwältigen kann, sagt Annette König, die das Buch in der Sendung empfiehlt.
Buchhinweise:
Catalin Dorian Florescu. Matei entdeckt die Freiheit. 288 Seiten. Rowohlt Berlin, 2026.
Thomas Hettche. Liebe. 176 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, 2026. -
Der Schweizer Bestsellerautor Martin Suter wartet mit neuen Kolumnen aus der «Business Class» auf. Und der deutsche Schriftsteller Kurt Prödel überzeugt mit seinem zweiten Coming-of-Age-Roman.
Die «Business Class»-Kolumnen sind zurück: Der Schweizer Erfolgsautor Martin Suter hat nach mehrjähriger Pause seinen nunmehr zwölften Band mit seinen legendären satirischen Kolumnen über die Mangerwelt herausgebracht.
Der Wiederkennungswert ist hoch, allerdings hat sich in der Zwischenzeit die Welt verändert: Homeoffice ist gang und gäbe und das Topkader hadert mit dem Verlust der Kontrolle und der Bühne zur Selbstprofilierung. Wer die «Business Class» möge, komme auch in diesem Band auf die Rechnung, sagt Felix Münger.
Er hat gerade sein Abitur mit Bestnote abgeschlossen, aber sonst läuft es für Marko nicht besonders: Fürs Medizinstudium wird er nicht zugelassen, seine Beziehung mit Claire geht in die Brüche, und Marko und sein Vater leiden beide noch immer unter dem frühen Tod von Markos Mutter. Der Protagonist versackt zwischen TikTok und Zukunftsangst im tristen Wohnblock, bis er sich aufrafft, um in Ungarn zu studieren.
Auch Kurt Prödels zweiter Roman sei eine berührende Jugendgeschichte geworden, in der der Autor das Chaos aus familiären, körperlichen und psychischen Krisen von Marko und Claire zu einem rührenden und süffig lesbaren Roman verwebe, findet Simon Leuthold: Ein Buch, das trotz aller Krisen zuversichtlich stimmt.
Buchhinweise:
Martin Suter. Können Sie mich sehen? Die Business Class im Homeoffice. 208 Seiten. Diogenes, 2026.
Kurt Prödel. Salto. 272 Seiten. park x ullstein, 2026. -
Zwei literarische Stimmen sind zu entdecken: Der Genfer Autor und bildende Künstler Jérémie Gindre, der Frauen beschreibt, die buchstäblich am Rande des Abgrunds stehen. Und die Debütantin Lilli Tollkien mit ihrem Roman über eine Kindheit in einer Berliner Männer-Kommune der 1980er-Jahre.
«Tombola» erzählt von Frauen, die einen Schritt aus dem Alltag wagen und dabei konfrontiert werden mit einer Natur und einer Männerwelt, die sie latent bedrohen. Zita wandert mutterseelenallein in den savoyischen Alpen durch Nebel und Schnee - Absturz vorprogrammiert. Saskia besucht nach Jahren ihren cholerischen Vater - Eskalation unumgänglich. Jedesmal passiert dann aber das Unerwartete. Über sieben Erzählungen hält uns der Genfer Autor und bildende Künstler Jérémie Gindre den Spiegel unserer (negativen) Erwartungen vor Augen. Ein ungewöhnliches, sprachlich virtuoses Leseerlebnis zwischen Reiseführer und Abenteuerroman, findet Literaturredaktor Markus Gasser.
«Mit beiden Händen den Himmel stützen» ist das Debüt der deutschen Autorin Lilli Tollkien. Und zwar ein «Debüt von grösster Wucht», wie SRF-Literaturredaktorin Katja Schönherr findet, die das Buch auch als «atemlos und temporeich» bezeichnet. In dem Roman geht es um das Mädchen Lale. Es wächst in den 1980ern in einer Berliner Männer-Kommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Vor allem aber wird getrunken, gekifft und gefeiert. Lale darf wach bleiben, solange sie will, Süssigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen (körperlichen) Grenzen immer wieder übertreten werden.
Buchhinweise:
Jérémie Gindre. Tombola. Aus dem Französischen von Ruth Gantert und Steven Wyss. 200 Seiten. Die Brotsuppe, 2026.
Lilli Tollkien. Mit beiden Händen den Himmel stützen. 255 Seiten. Aufbau, 2026. -
Julia Weber erzählt von einer magischen Hexe, die Menschen in Tiere verwandeln kann, während Clara Umbach von einem Liebespaar berichtet, dem nur wenig gemeinsame Zeit bleibt und das sich wünscht, ein Zauber könnte daran etwas ändern.
Julia Webers Protagonistin Ruth kann Menschen durch Küsse in Tiere verwandeln und mit ihrer Willenskraft Bäume fällen. Dank ihrer besonderen Kräfte kann sie der Welt und ihren Ungerechtigkeiten anders begegnen: Unglückliche oder unsichere Menschen suchen einen Ausweg aus dem «normalen» Leben, wenn sie sich von Ruth zum Beispiel in ein kleines Vögelchen verwandeln lassen. Sie selbst sieht einen zentralen Zweck ihres Daseins darin, ihnen zu helfen. Doch auch Ruth ist mit zutiefst menschlichen Krisen konfrontiert, die sich trotz ihren übermenschlichen Fähigkeiten nicht alle aus der Welt schaffen lassen: komplizierte Beziehungen, der Verlust der unbeschwerten Kindheit, der Drang, gefallen zu wollen.
Simon Leuthold liest eine eher düstere Gesellschaftsdiagnose aus diesem Roman, der durch die Ambivalenz seiner übermenschlichen Hauptfigur glänzt und überraschend lustig zu lesen ist.
Wie kann man lieben, wenn die Partnerin an einer unheilbaren Erkrankung des Gehirns leidet? Wenn jeder gemeinsame Augenblick vom Zerfall und der nahenden Vergänglichkeit überschattet wird? In «Pizza Orlando» lässt die Deutsche Autorin Clara Umbach ihre beiden Protagonistinnen Clara und Nina mit genau dieser Situation hadern. Die Liebe zueinander ist stark – doch genau das jagt ihnen Angst ein. Während Clara als alleinerziehende Mutter um Selbstbestimmung ringt, leidet Nina bereits an den ersten Symptomen der Huntington-Krankheit.
Eine tragische Ausgangslage, die laut Ariane Schwob in den schreibenden Händen von Clara Umbach zu einem gelungenen Experiment wird. In Chatverläufen, die hin und wieder von Claras Überlegungen unterbrochen werden, offenbart sich im Roman der alltägliche Kampf mit dem Existenziellen.
Buchhinweise:
Julia Weber. Weil ich Ruth bin. 464 Seiten. Limmat, 2026.
Clara Umbach. Pizza Orlando. 176 Seiten. Ecco, 2026. -
Der Schweizer Autor Pedro Lenz hat «Mit linggs» ein berührendes Buch über den Ausnahme-Fussballer Diego Maradona geschrieben. Und die italienische Autorin Gabriella Zalapì erzählt eine aufwühlende Familiengeschichte.
Der Buchtitel «Mit linggs» spielt auf den starken linken Fuss von Diego Armando Maradona an, den für viele besten Fussballer, den es je gab. Pedro Lenz lässt in seinem Buch, das zum gleichnamigen Bühnenprogramm erscheint, Maradona sein Leben aus der Ich-Perspektive erzählen. Lenz' Maradona ist ein Melancholiker zwischen Grössenwahn und Selbstlosigkeit.
«Mit linggs» konfrontiert den Lesenden ungeschützt mit der emotionalen Achterbahn des ballverliebten Jungen, der die Welt erobert und an dieser Welt zerbricht. Sehr berührend, sehr anregend, findet Markus Gasser, der das Buch vorstellt.
Die achtjährige Ilaria hängt kopfüber an einer Metallstange auf dem Schulhof in Genf, als ihr Vater sie mit dem Auto abholt. Anstatt sie zur Mutter zu bringen, fährt er mit Ilaria über die Grenze nach Italien. Es ist der Beginn einer Entführung, die zwei Jahre dauern wird.
Für ihren Roman hat sich die französischsprachige Schriftstellerin mit Schweizer Wurzeln, Gabriella Zalapì, von ihrer eigenen Lebensgeschichte inspirieren lassen. Aus der Perspektive des Kindes schildert sie Ilarias Angst und Verunsicherung – und zugleich die tiefe Zuneigung zu einem Vater, der die Trennung von seiner Frau nicht akzeptieren kann. Für Tim Felchlin ist es ein aufwühlender Roman, der neben seiner Ernsthaftigkeit aber auch eine feine Italien-Nostalgie der 1980er-Jahre heraufbeschwört.
Kurztipp: Das Sach-Bilderbuch «Auf in die Berge!» gewinnt den diesjährigen Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Die Illustratorin Katja Seifert erzählt darin von der Geschichte des Bergsteigens. Das wunderschön illustrierte Buch thematisiert vieles: Wissenswertes, die mystische Wirkung der Berge, Herausforderungen, Veränderung und Gefährdung. Empfehlenswerte Lektüre für die ganze Familie.
Buchhinweise:
Pedro Lenz. Mit linggs. 120 Seiten. Der gesunde Menschenversand, 2026.
Gabriella Zalapì. Ilaria. 162 Seiten. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Suhrkamp, 2026.
Katja Seifert. Auf in die Berge!. 64 Seiten. NordSüd, 2025. -
Die schwedische Schriftstellerin Lisa Ridzén schreibt über das Älterwerden auf wohltuende und empathische Weise. Und die argentinische Schriftstellerin übersetzt scheinbar alltäglichen Wahnsinn in literarischen Horror.
Allein geht es nicht mehr. Der 89-jährige Bo lebt zwar noch mit Hund Sixten auf seinem abgelegenen Hof in Schweden, doch dreimal täglich stehen Pflegefachkräfte vor der Tür und Sohn Hans füllt regelmässig das Tiefkühlfach mit Fertiggerichten. Als Hans seinen Vater drängt, Sixten wegzugeben, wächst Bos Wille zur Unabhängigkeit. In der Angst vor der Einsamkeit schweifen seine Gedanken zu seiner demenzkranken Frau im Pflegeheim, zu einem gewaltvollen Vater und zu prägenden Momenten der Freundschaft. Lisa Ridzéns Romandebüt «Wenn die Kraniche nach Süden ziehen» war in ihrer Heimat ein Riesenerfolg. Auch auf Deutsch ist dieses Buch ein wohltuender Begleiter für alle, die das Älterwerden fürchten oder sich um alternde Eltern sorgen, meint Tim Felchlin.
Mariana Enriquez’ Geschichten werden zwar als Horror bezeichnet, und klar, da ist einiges drin, das einen gruseln kann, aber eigentlich passiert etwas viel Grösseres. Die argentinische Schriftstellerin nimmt die soziale Realität Argentiniens und verwandelt sie in unheimliche, beklemmende Albträume: Geister tauchen auf, Gesichter von lebenden Menschen verwesen, die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen. Doch dieser Horror ist nur die Oberfläche. Jennifer Khakshouri ist fasziniert von Enriquez’ neuer Geschichtensammlung «Grelles Licht für darke Leute».
Kurztipp: Auch der US-amerikanische Schriftsteller Stewart O’Nan thematisiert in seinem neuen Buch das Alter: In «Abendlied» erzählt er von vier älteren Frauen, die einen Selbsthilfeklub gegründet haben. Gemeinsam trotzen sie jeder Herausforderung, die das Leben für sie bereithält. Stewart O’Nan erzählt präzis, humorvoll – und mit viel Empathie für seine Figuren.
Buchhinweise:
Lisa Ridzén. Wenn die Kraniche nach Süden ziehen. Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann. 384 Seiten. btb, 2026.
Mariana Enriquez. Grelles Licht für darke Leute. Aus dem Spanischen von Silke Kleemann und Inka Marter. 272 Seiten. S. Fischer, 2025.
Stewart O’Nan. Abendlied. Übersetzt von Thomas Gunkel. 352 Seiten. Rowohlt, 2026. -
Der britische Schriftsteller Julian Barnes und die deutsche Schriftstellerin Helga Schubert haben einiges gemeinsam: mit achtzig oder über achtzig Jahren sind sie beide in fortgeschrittenem Alter. Und sie haben beide ein Buch veröffentlicht, in dem sie Rückschau halten und über das Leben nachdenken.
Julian Barnes ist einer der bedeutendsten britischen Schriftsteller und Booker-Preisträger. Er wird 80 und verabschiedet sich vom Schreiben. Mit «Abschied(e)» legt er sein letztes Buch vor: eine Mischung aus Liebesgeschichte, Erinnerungen und Gedanken über Vergänglichkeit und Leben. Julian Barnes erzählt von einer Jugendliebe, die nach 40 Jahren neu beginnt, von seiner eigenen Krankheit und vom Rätsel der Erinnerung. An seiner Seite: Jimmy, ein Hund, der ihn über Bewusstsein bei Mensch und Tier nachdenken lässt. Jennifer Khakshouri stellt das Buch vor.
In der DDR schrieb die Psychologin und Schriftstellerin Helga Schubert jahrzehntelang bespitzelt und ohne Anerkennung. Als sie 1980 zum Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen war, durfte sie nicht ausreisen. 2020 kam die zweite Einladung. Mit 80 Jahren gewann Helga Schubert sensationell den Preis, der eigentlich für Newcomer gedacht ist. Seither ist sie aus der deutschen Literatur nicht mehr wegzudenken. In ihrem jüngsten Buch «Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang» zieht sie Bilanz - mit einer Sammlung neuer und alter Texte aus ihrem ganzen Schaffen. Ein berührendes und beflügelndes Buch, findet Literaturredaktorin Franziska Hirsbrunner.
Buchhinweise:
Julian Barnes. Abschied(e). Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. 256 Seiten. Kiepenheuer&Witsch, 2026.
Helga Schubert. Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang. 288 Seiten. dtv, 2025. -
Mit «Trag das Feuer weiter» beendet die marokkanisch-französische Schriftstellerin Leïla Slimani ihre autorbiografisch verwurzelte Familiensaga und mit «Der Fluss der Zeit» erscheinen nochmals Kurzgeschichten aus dem Nachlass des verstorbenen Schweizer Erfolgsautors Pascal Mercier.
Man kennt ihn für seinen Bestseller «Nachtzug nach Lissabon»: Pascal Mercier. 2023 verstarb der Schweizer Schriftsteller. Nun erscheint posthum ein Band mit Kurzgeschichten aus seinem Nachlass. «Der Fluss der Zeit» ringt mit elementaren Themen wie Freiheit, Identität und Vergänglichkeit. Fünf philosophische Miniaturen. Die letzte Zugabe Pascal Merciers. SRF-Literaturredaktorin Katja Schönherr stellt den Erzählband vor.
Mit «Trag das Feuer weiter» vollendet Leïla Slimani ihre dreiteilige Familiensaga. Die Trilogie erzählt von der 1974 in Marokko geborenen Mia, die zwischen Tradition und Globalisierung ihren Weg sucht und in Paris eine zweite Heimat findet. So baut Slimani Brücken zwischen Orient und Okzident und zeigt, wie Politik ins Private wirkt. Multiperspektivisch, lebendig, nah an der Realität liest sich Slimanis Roman in einem Zug weg, findet SRF-Literaturredaktorin Annette König.
Buchhinweise:
Pascal Mercier. Der Fluss der Zeit. 112 Seiten. Hanser, 2026.
Leïla Slimani. Trag das Feuer weiter. 448 Seiten. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand, 2026. -
Joan Didion hält in «Notizen für John» ihre eigenen Therapiegespräche für ihren Mann fest.
Hu Anyan erzählt in «Ich fahr Pakete aus in Peking» von seinem Leben in Nebenjobs.
Joan Didion (1934-2021) gehört zu den berühmtesten US-amerikanischen Autorinnen. Wegen ihrer gnadenlosen Polit- und Gesellschaftsreportagen ist sie bis heute Kult. Zudem war sie auf eine zerbrechliche und schusselige Weise sehr schön und wurde noch mit über 80 zum Gesicht des Modelabels Celine. Sie lebte ein glamouröses Leben im Umfeld von Hollywood, war hip und erfolgreich. Aber als Mutter sah sie sich gescheitert. Sie hatte ein Mädchen adoptiert, als es noch ein Baby war und hatte ihm ein gutes Leben geboten. Doch dann wurde Quintana schwer alkoholsüchtig.
Quintanas Psychiater bat Didion darum, selbst eine Therapie zu absolvieren. Was Didion tat und die Therapiegespräche für ihren Ehemann John Dunne festhielt. Das Tagebuch «Notizen für John» wurde nun aus dem Nachlass veröffentlicht. Nicht ganz ohne Lärm – das sei doch taktlos etc. Enthüllungen finden sich aber kaum. Vielmehr geht es um verzweifelte Liebe, findet Franziska Hirsbrunner.
Während seiner Zeit als Paketbote in Peking kämpft Hu Anyan mit riesigem Zeitdruck. Jede Minute, in der er kein Paket zustellt, kostet ihn einen Teil seines sowieso schon winzigen Lohns. Fehler werden mit Strafgebühren geahndet. Trotzdem begehrt er kaum auf – dafür liest er in seiner knappen Freizeit James Joyce oder Robert Musil.
«Ich fahr Pakete aus in Peking» ist Hu Anyans Bericht über 20 Jahre prekäre Arbeit in Niedriglohnjobs in chinesischen Riesenstädten – immer so lang, bis Frust, Erschöpfung oder Langeweile zu gross wurden. In China wurde das Buch schon 2023, kurz nach seinem Erscheinen zu einem Hit – nun ist es auch in deutscher Übersetzung erschienen. Für Simon Leuthold eine eindrückliche Stimme von Ausgebeuteten, die selten zu Wort kommen.
Buchhinweise:
Joan Didion. Notizen für John. Aus dem Amerikanischen von Antje Rávik Strubel. 256 Seiten. Ullstein, 2025.
Hu Anyan. Ich fahr Pakete aus in Peking. Aus dem Chinesischen von Monika Li. 295 Seiten. Suhrkamp, 2025. -
Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie zeigt in seinem neuen Buch einmal mehr, was für ein wunderbarer Erzähler er ist. Und dem französischen Autor Philippe Collin gelingt zugleich ein fesselnder Thriller und ein eindringliches Zeitdokument.
Salman Rushdie ist zurück. Zum ersten Mal seit der Messerattacke vom Sommer 2022 und nach dem «Aufarbeitungsbuch» «Knife» knapp zwei Jahre später erscheint jetzt wieder ein fiktionales Werk des Schriftstellers. Darin nähert er sich in fünf unterschiedlichen Erzählungen dem Thema Tod, mit dem er ja eine ziemlich intime Begegnung gehabt hat, wie Rushdie selber kürzlich in einem Interview sagte. Eine wunderbare Rückkehr eines grossen Erzählers, meint Literaturredaktor Michael Luisier, und eine Wiederbegegnung mit all den Orten, an denen Rushdies Geschichten von jeher spielen: Indien, England und die USA.
Der Roman «Der Barmann des Ritz» spielt im legendären Pariser Hotel Ritz während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Im Zentrum steht der Barmann Frank Meier, eine reale Figur, die zwischen den Fronten agiert: Er bedient Nazis, Spione, Künstler und Widerstandskämpfer – und wird selbst Teil eines gefährlichen Spiels aus Loyalität, Verrat und Überleben. Die Geschichte verbindet historische Fakten mit einer spannenden, atmosphärischen Erzählung. Ein Buch, das zugleich fesselnder Thriller, eindrückliches Zeitdokument und aufschlussreiche Charakterstudie ist, findet SRF-Literaturredaktorin Annette König.
Buchhinweise:
Salman Rushdie. Die elfte Stunde. Fünf Erzählungen. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. 288 Seiten. Penguin, 2025.
Philippe Collin. Der Barmann des Ritz. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. 447 Seiten. Insel, 2025. -
Die Wienerin Lili Körber erzählt persönlich grundiert von einem Paar, das nach New York auswandert. Stefan Hertmans widmet sich einer berührenden platonischen Freundschaft zwischen zwei Männern. Und Elisa Shua Dusapin beschreibt mit grosser Zartheit die ambivalente Beziehung zweier Schwestern.
Ein Roman, der vor 80 Jahren geschrieben wurde und erst heute erscheint: «Abschied von gestern». Die Wienerin Lili Körber (1897-1982) erzählt darin autobiografisch grundiert vom Exil. Schauplatz ist New York. Dorthin konnte sich ein gutbürgerliches jüdisches Ehepaar um 1940 vor den Nazis flüchten. Aber vom alten Leben ist ihnen nichts geblieben. Der Roman beginnt mit einer demütigenden Zimmersuche. Die Ignoranz Menschen gegenüber, die alles verloren haben, ist omnipräsent. Ein berührend zeitloses Buch über Flüchtlingsschicksale, findet SRF-Literaturredaktorin Franziska Hirsbrunner.
Mit «Dius» legt der flämische Autor Stefan Hertmans seinen vierten Roman in deutscher Übersetzung vor. Einmal mehr sei Hertmans damit ein herausragendes Stück Literatur gelungen, findet Felix Münger. Es schildert eine Freundschaft zwischen zwei Männern, fernab von aller Erotik und Sexualität. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein – ein junger emotionaler Künstler und ein etwas älterer Intellektueller, welcher der rationalen Analyse zuneigt. Doch beide finden im Gegenüber jenen fehlenden Teil des eigenen Ichs, der sie beide zu ganzen Menschen macht.
Agathe, Drehbuchautorin in New York, kehrt nach fünfzehn Jahren ins französische Périgord zurück, um mit ihrer Schwester Véra das Elternhaus auszuräumen. Neun Tage lang suchen die beiden Nähe – und stoßen auf Distanz. Alte Erinnerungen brechen auf, an die Kindheit, ans Schweigen. Denn Véra spricht seit ihrem sechsten Lebensjahr nicht mehr.
Elisa Shua Dusapin inszeniert ein Kammerspiel von großer Intensität über die zerbrechliche Beziehung zweier Schwestern. Ihr Stil ist knapp, elliptisch, voller Pausen. Das Ungesagte wird zum Resonanzraum für Emotionen. Ein leiser, eindringlicher Roman, der im französischen Sprachraum begeistert aufgenommen wurde.
Buchhinweise:
Stefan Hertmans. Dius. Aus dem Niederländischen von Ira Wilhlem. 352 Seiten. Diogenes, 2025.
Lili Körber. Abschied von gestern. Herausgegeben von Peter Graf. Aus dem Englischen von Beate Swoboda. 320 Seiten. Das Kulturelle Gedächtnis.
Elisa Shua Dusapin. Damals waren wir unzertrennlich. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. 144 Seiten. Kein & Aber, 2025. -
Gleich zwei grosse Namen vereinigt dieses BuchZeichen eine gute Woche vor Weihnachten: Den des aktuellen Booker Prize-Träges David Szalay und den der britischen Literaturikone Jane Austen.
Vor einem Monat gewann der 51jährige kanadisch-ungarisch-britische Autor David Szalay den Booker Prize. Es ist der wichtigste britische Literaturpreis, und Szalay bekam ihn für ein Buch, das im Original den provozierenden Titel «Flesh» (menschliches Fleisch) trägt und von einem vermurksten Männerleben erzählt. Der deutsche Titel, «Was nicht gesagt werden kann», trifft es aber auch. Szalays Held ist ein Mann ohne Worte. Er ist eine Leerstelle und eine Projektionsfläche, insbesondere für die Frauen. Sein Lone-Wolf-Gebaren gefällt ihnen – bis sie ihn wieder loshaben wollen. Schillernd und schroff erzählt David Szalay davon, was es heissen kann, ein Mann zu sein.
Ihre Romane wie «Stolz und Vorurteil», «Emma» oder «Überredung» haben sich in den literarischen Kanon und auch in die Herzen vieler Lesenden eingeschrieben. Doch Jane Austens Leben war nicht ganz so rosig, wie die Happy Ends ihrer Bücher. Sie blieb bis zu ihrem frühen Tod unverheiratet und kämpfte um Anerkennung für ihr Schreiben. Die Graphic Novel von Austen-Expertin Janine Barchas, illustriert von Isabel Greenberg bietet einen einzigartigen Einblick in Austens Biografie. Wir lernen, wo Austen auf Gegenwind traf, wo sie Inspiration fand und wo ihre Unterstützerinnen. leichter Einstieg für angehende Austen-Fans und ein Muss für Austen-Begeisterte meint Ariane Schwob.
Buchhinweise:
David Szalay. Was nicht gesagt werden kann. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. 384 Seiten. Classen, 2025.
Janine Barchas und Isabel Greenberg. Jane Austen. Ihr Leben als Graphic Novel. Aus dem Englischen von Eva Bonné. 144 Seiten. Penguin, 2025. - Näytä enemmän