Episodes

  • Das heutige Irland ist weit entfernt von der Trostlosigkeit und der Enge des letzten Jahrhunderts. Innerhalb von einer Generation haben sich die Wirtschaft, die Bevölkerungsstruktur und das Selbstverständnis des Landes grundlegend verändert.

    Vor 35 Jahren war Irland ein rückständiges Land, im Bann der katholischen Kirche und argwöhnisch-empfindlich im Umgang mit der britischen Nachbarin. Diese Altlasten wurden seither abgetragen, die irische Bevölkerung hat sich radikal verändert: Ehemalige Auswanderer sind mit neuen Ideen heimgekehrt, Einwanderer aus Mitteleuropa haben Farbe in eine vormals sehr geschlossene Gesellschaft gebracht und ein regelrechtes Wirtschaftswunder ermöglicht. Auch dass sich mehr Frauen an der Arbeitswelt beteiligten, war ein wichtiger Faktor beim Aufschwung, dem Erfolg des «keltischen Tigers». Als Scharnier zwischen USA und EU hat sich die Insel neu erfunden.

    Eine Hommage von Martin Alioth an seine Wahlheimat – zum Abschluss seiner Korrespondentenzeit.

    (Erstausstrahlung: 4. April 2020)

  • Griechenland ist überfordert. Die vielen Flüchtlinge bringen das Land an seine Grenzen und in letzter Zeit nimmt ihre Zahl wieder merkbar zu. In den Lagern auf den Inseln herrschen Missstände. Doch für die Flüchtlinge, die aufs Festland verlegt wurden, hat sich einiges verbessert.

    Vor fünf Jahren kamen plötzlich beinahe eine Million Frauen, Kinder und Männer nach Griechenland. Aus Syrien, Irak, Afghanistan und vielen anderen Ländern. Meist setzten sie in kleinen Booten von der Türkei auf griechische Inseln über und zogen später weiter nach Mittel- und Nord-Europa. Noch immer befinden sich aber rund 110'000 registrierte Asylsuchende, Flüchtlinge und Migranten in Griechenland. Die Lager auf den Inseln sind nach wie vor komplett überfüllt und die Flüchtlinge dort leiden.

    Die Flüchtlinge aber, die aufs Festland verlegt wurden und sich in einem Asylverfahren befinden, leben inzwischen deutlich besser. Es sind rund 90'000. Mit Geldern der EU wird ihnen geholfen. Einzelpersonen erhalten bis zu 150 Euro im Monat, Familien rund 400. Mehrere Tausend Wohnungen wurden für Flüchtlinge angemietet. Viele Kinder können zur Schule gehen und viele Kranke erhalten Pflege.

    Die Reportage aus Athen zeigt, was inzwischen funktioniert und woran es immer noch hapert.

    (Erstausstrahlung: 7. März 2020)

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  • Osttimor ist ein junger Staat: Erst 2002 wurde er in die internationale Staatengemeinschaft aufgenommen: nach mehreren 100 Jahren Kolonialzeit Portugals und 24 weiteren Jahren indonesischer Besatzung. Der Weg in die Eigenständigkeit war schwierig. Und noch schwieriger ist der Weg aus der Armut.

    Seit der Unabhängigkeit Osttimors sind fast 20 Jahre vergangen. Das Land kennt nun Frieden, aber noch immer keinen Wohlstand. Das Bildungs-, und das Gesundheitssystem funktionieren nicht. Es fehlt an Geld und an Wissen. Mit den indonesischen Soldaten verliessen auch Tausende Fachkräfte das Land. Die Hauptstadt Dili hatte damals noch 19 Ärzte für fast eine Million Einwohnerinnen und Einwohner. Das Geld in den Staatskassen kommt zu einem grossen Teil von den Einnahmen eines grossen Gasfeldes. Aber dessen Reserven sind bald erschöpft. Nun setzt die Regierung alle ihre Hoffnungen auf ein neues Gasfeld, das aber noch nicht erschlossen ist und entwirft grosse Zukunftsutopien. Die Bevölkerung jedoch ist desillusioniert. Die Unabhängigkeits-Dividenden sind bisher weitgehend ausgeblieben.

    (Erstausstrahlung: 25. Januar 2020)

  • Chile präsentierte sich gern als Hort der Stabilität. Im Oktober aber führte eine scheinbar moderate Preiserhöhung der Metro in Santiago zu ungeahnten Protesten, die sich während Wochen auf das ganze Land ausweiteten. Die Wurzeln des Sozialkonflikts gehen in die Jahre der Pinochet-Diktatur zurück.

    Protestiert wurde in den letzten Wochen auch, wo es gar keine Metro gibt. Also auch keine Preiserhöhung. Die Wut geht tiefer, die Forderungen an den Kundgebungen lassen das erkennen: bessere Löhne, bessere Pensionen, eine effiziente Gesundheitsversorgung für alle.
    Die Regierung ist überrumpelt. Es hat frühe Warner gegeben, die auf die wachsenden Ängste vor dem sozialen Absturz hinwiesen. Woher diese kamen wäre klar gewesen.
    Mit dem Pinochet-Putsch 1973 veränderte sich das Land radikal. Schrittweise und rücksichtslos wurde ein strikt neoliberales Wirtschaftsmodell durchgesetzt. Der Widerstand dagegen wurde in Folterkellern erstickt.
    Auch in den Jahren der Demokratie wurde das Wirtschaftsmodell nie angetastet. Der Diktator hatte vor seinem Abtritt die Weichen gestellt. Der Markt behielt Vortritt vor der Politik. Die hohen Wachstumsraten brachten wenigen viel und vielen wenig. Ein Ausweg aus dem Sozialkonflikt wird nicht leicht zu finden sein.

    Erstausstrahlung: 7. Dezember 2019

  • Die Schreckensherrschaft der Taliban in Afghanistan ist vorbei. Die USA und deren Verbündeten haben sie nach den Anschlägen von 9/11 von der Macht in Kabul vertrieben. Militärisch besiegt sind sie aber nicht. Und heute weist einiges darauf hin, dass sich Afghanistan mit den Taliban arrangieren muss.

    Das Leben in Afghanistan ist hart und gefährlich. Zahllose Menschen verlassen das Land, auf der Flucht vor Gewalt, vor den Anschlägen der Taliban oder der IS-Terroristen, aber auch vor den Luftangriffen der Nato-Truppen, die bereits mehr zivile Opfer fordern als Terroranschläge.

    Die ausländischen Truppen werden früher oder später abziehen. Die Taliban aber bleiben in Afghanistan. Und viele fürchten, die alte Gewaltherrschaft kehre damit zurück. Frauen würden wieder ausgeschlossen vom öffentlichen Leben, Gegner der Taliban rückhaltlos verfolgt.

    Dem widersprechen die Taliban und reden von einem modernen Afghanistan. Auch Frauen sollten in dieser Gesellschaft eine Rolle spielen, sie sollten Universitäten besuchen, berufstätig sein. Die Taliban wollen Infrastruktur bauen, die dem Land fehlt und keine Schulen mehr ausbomben. Sie geben sich aufgeklärt und gemässigt.
    Aber viele trauen diesem Wandel nicht. Die Taliban wollen einen Gottes-Staat, Demokratie interessiert sie nicht. Es ist darum noch unklar, welchen Platz sie in der Gesellschaft haben werden. Aber dass Afghanistan noch längere Zeit mit ihnen rechnen muss, scheint festzustehen.

    Erstausstrahlung: 23. November 2019

  • Dandong ist eine vibrierende Stadt im Nordosten Chinas, am Fluss Yalu, der Grenze zu Nordkorea. Und just von diesem Nachbarn hängt der Wohlstand der Stadt ab – das in Zeiten verschärfter Sanktionen gegen Nordkorea. In Dandong wird das ambivalente Verhältnis der beiden Staaten besonders deutlich.

    Handel mit Nordkorea ist weitgehend verboten. Die Stadt Dandong aber lebt davon - oder versucht davon zu leben. Der Warenstrom über die «Freundschaftsbrücke» ist schwächer geworden. Letztes Jahr soll der Handel auf die Hälfte des Vorjahres abgesackt sein. Denn wenn Nordkorea etwa keine Kohle oder keine Meeresfrüchte mehr nach China liefern kann, fehlen dem Land die Mittel, den Chinesen Gebrauchsgüter und Lebensmittel abzukaufen. So treffen die Sanktionen auch China.
    China trägt die verschärften Sanktionen gegen Nordkorea zwar offiziell mit. Aber im wirtschaftlichen Mikroklima der Grenzstadt Dandong schauen die Behörden oft auch weg und dulden Schmuggel und Umgehungsgeschäfte stillschweigend, damit der Handel in der Zweieinhalb-Millionen-Stadt nicht ganz zum Stillstand kommt. Aber auch um einen wirtschaftlichen Kollaps Nordkoreas zu verhindern.
    Im Koreakrieg in den 50er Jahren unterstützten die Chinesen Nordkorea und stoppten so den Vormarsch der US-Truppen. Nach dem Krieg begannen die Nordkoreaner aber ihren eigenen Weg zu gehen und versuchen dabei, auch China auf Distanz zu halten.
    Das zwingt Peking zu einem schwierigen Balanceakt im Umgang mit seinem widerspenstigen Nachbarn Nordkorea.

    (Erstausstrahlung: 26. Oktober 2019)

  • Am 11. Juli sind es 25 Jahre, seit serbische Truppen Srebrenica im Osten Bosniens erobert haben. Mehr als 8'000 Männer wurden in den folgenden Tagen ermordet. Es ist das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber viele Serben wollen den Völkermord nicht wahrhaben.

    Zu Tausenden flüchtete die muslimische Bevölkerung aus Srebrenica, als General Ratko Mladic zum Sturm auf die UNO-Schutzzone ansetzte. Sie suchten Zuflucht bei den Blauhelmen, die den Auftrag gehabt hätten, sie zu schützen. Doch die UNO-Soldaten versagten. Sie liessen Mladic und seine Truppen mit den Zivilisten machen, was sie wollten.

    Zuerst trennten die serbischen Truppen Frauen und Kinder von den Männern, schickten sie in Bussen weg. Dann töteten sie systematisch mindestens 8372 Männer und Jünglinge innerhalb weniger Tage. Auf die Leute, die durch die Wälder fliehen wollten, veranstalteten sie eine tagelange Jagd. Noch heute werden immer wieder Überreste der Opfer gefunden und identifiziert.

    Munira Subasic ist eine der Frauen, die damals Männer und Söhne verloren haben. Mit ihrer Organisation «Mütter von Srebrenica» kämpft sie dafür, dass der Völkermord nicht vergessen geht. Sie erklärt, warum es so wichtig ist, dass jedes Opfer ein Grab bekommt.

    Mladen Grujicic ist Serbe und heutiger Bürgermeister von Srebrenica. Er erklärt, warum das Geschehen im Juli vor 25 Jahren kein Völkermord gewesen sein soll.

    Camil Durakovic ist muslimischer Bosniake und war Bürgermeister in den Jahren vor Grujicic. Er hat den Völkermord als Kind überlebt und ist zehn Jahre später nach Srebrenica zurückgekehrt. Er erklärt, warum das Zusammenleben von Serben und muslimischen Bosniaken in der Stadt noch lange nicht wieder normal ist.

    Natasa Kandic ist eine bekannte Menschenrechtlerin in Serbien. Sie weiss, wieso es unter Serben heute üblich ist, den Völkermord von Srebrenica zu leugnen und sie erklärt, wieso es auch hätte anders kommen können, wenn die serbischen Politiker nicht versagt hätten.

  • Nach fünf Jahren Krieg ist das ärmste arabische Land vollkommen zerrüttet. Den Norden kontrollieren fast vollständig die Huthi-Rebellen, im Süden fordern Separatisten einen eigenen Staat. Droht Jemen auseinanderzufallen? Oder wäre eine Spaltung sogar die Lösung, könnte sie den Krieg beenden?

    Arabia Felix, das glückliche Arabien, so hiess das fruchtbare Stammesgebiet in der Antike. Heute hängt das kriegsversehrte Land an der Südspitze der arabischen Halbinsel am Tropf der internationalen Nothilfe.
    Der Youtuber Ayash reist mit seiner Kamera durch die zerrüttete Heimat, um zu dokumentieren, was von deren Schönheit und Vielfalt geblieben ist. Der Graffitikünstler Thiyazen in Sanaa klagt am Telefon über den zunehmend autoritären Kurs der Huthi-Rebellen in der jemenitischen Hauptstadt. Auf der anderen Seite der Front erlebt die Provinz Marib mitten im Krieg einen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch die Kämpfe rücken auch in Marib näher, während um die Hafenstadt Aden ein «Krieg im Krieg» tobt, zwischen verschiedenen Stammesmilizen, die eigentlich gemeinsame Sache gegen die Huthis machen wollten. Die Fronten werden immer unübersichtlicher. Die Separatisten im Süden fordern bereits die Abspaltung, sie erhoffen sich Stabilität von einem unabhängigen Staat Süd-Jemen, wie es ihn bis vor 30 Jahren gab.

    Fünf Jahre nach Kriegsbeginn steht Saudi-Arabien in Jemen vor einem Debakel. Die mächtige Ölmonarchie trommelte Ende März 2015 unter ihren Verbündeten eine Militärkoalition zusammen und begann die Rebellengebiete zu bombardieren. In wenigen Wochen werde der jemenitische Präsident Hadi zurück an der Macht sein, versprach der starke Mann Saudi-Arabiens, Mohammed bin Salman, damals. Doch inzwischen beherrschen die Huthi-Rebellen nicht nur die Hauptstadt sondern praktisch den gesamten Norden, die «Gefolgsleute Gottes» verfügen auch über Raketen und Kampfdrohnen und die Unterstützung der schiitischen Regionalmacht Iran.

  • Ecuadors Wirtschaft hängt am Erdöl, das unter dem Dschungel liegt. Schon vor Jahrzehnten sorgte der US-Konzern Texaco-Chevron für ein Umweltdesaster. Die Rechnung hat er nicht beglichen – bezahlt haben dagegen die Anwohner: mit ihrer Gesundheit. Eine Reise nach Ecuador kurz vor dem Corona-Lockdown.

    Als Texaco anfing, im ecuadorianischen Dschungel nach Erdöl zu bohren, verteilte er Reis und Macheten an die Dschungel-Bewohner. Für Willian Lucitante war das eine aufregende Zeit: Wenn der Indigene vom Stamm der Cofan im Fluss badete, war das, als hätte ihn jemand schwarz angemalt. Die Kinder fanden das lustig. Und auch die Eltern hatten keine Ahnung, dass das Öl eine Gefahr für die Gesundheit darstellen könnte. Bis Anfang der neunziger Jahre eine US-Journalistin in den ecuadorianischen Urwald reiste und - wieder zuhause - über die Ölkatastrophe berichtete, die Texaco in der Ferne angerichtet hatte. Da wachten auch die Indigenen auf. Sie lancierten eine Sammelklage gegen den mächtigen US-Ölkonzern. Und erstritten vor einem Provinzgericht in Ecuador viele Milliarden Dollar Schadenersatz. Doch der Konzern weigert sich bis heute zu zahlen. Und machte den ecuadorianischen Staat zu seinem Komplizen. Heute kämpft Willian Lucitante für die Rechte von 30.000 Texaco-Opfern. Darunter sind auch Narcisa Humbo und ihr Sohn Louis Matteo. Der Teenager leidet, wie so viele Bewohner der Region, unter Krebs.

    Studien zeigen, dass es einen Zusammenhang mit dem verseuchten Wasser gibt. Die Ölkonzerne streiten das ab. Und fördern weiter, obwohl sich das Geschäft längst nicht mehr lohnt.

  • Noch vor ein paar Jahren wurden die todbringenden Nukleararsenale verkleinert, Rüstungskontrollverträge geschlossen. Sogar von einer Welt ganz ohne Atombomben war die Rede. Inzwischen hat der Wind gedreht - und zwar radikal. Die Zeichen stehen wieder auf atomares Wettrüsten.

    6. August 1945, die USA werfen eine Atombombe über dem japanischen Hiroshima ab. Drei Tage später: eine weitere Bombe, diesmal auf Nagasaki. Weltweites Entsetzen. Und der entschlossene Ruf: «Nie wieder!»

    Doch bis heute kam man der Abschaffung der Atombombe nicht wirklich näher. Dabei gab es zwischendurch, während rund vier Jahrzehnten, durchaus Fortschritte. Ein ganzes Geflecht von Abrüstungs- und Rüstungskontrollverträgen entstand. Zäh ausgehandelt, aber insgesamt erfolgreich. US-Präsident Barack Obama sprach sich als Erster im Weissen Haus sogar für eine atomwaffenfreie Welt aus. Selbst der alte Kalte Krieger und Ex-US-Aussenminister Henry Kissinger bekannte sich zum Ziel einer Welt ohne Atombomben.

    Doch mittlerweile laufen kaum noch ernsthafte atomare Abrüstungsbemühungen. Statt ab- wird atomar wieder aufgerüstet, investiert, modernisiert.

    Es ist nicht abzusehen, dass auch nur ein Atomstaat auf sein Arsenal verzichtet. Wahrscheinlicher ist, dass sogar das eine oder andere Land neu Atombomben baut. Das sind düstere Perspektiven. Erleben wir gerade, wie das ganze mühsam aufgebaute, aber leidlich funktionierende Rüstungskontrollregime vor unseren Augen zusammenbricht?

  • Rund 28'000 Tote von Mitte März bis Ende Mai. Spanien ist eines der Länder, das am härtesten von der Coronakrise getroffen wurde.

    Aufgrund der aussergewöhnlichen Umstände handelt es sich bei dieser Ausgabe des «International» um eine «digitale Reportage». Elf Wochen lang wurde aus dem Homeoffice heraus Material gesammelt, recherchiert, Gespräche geführt. Entstanden ist eine Langzeitstudie zur Frage, was mit Spanien passiert ist in dieser Zeit. Was hat sich verändert? Und was bleibt?

  • Als Verlierer im 1. Weltkrieg verlor Ungarn zwei Drittel seines Territoriums und die Hälfte seiner Bevölkerung an Nachbarländer. Das Diktat von «Trianon» ist eine ungarische Tragödie, die bis heute nachhallt. Regierungschef Orban schlägt geschickt Kapital aus ihr für seine nationalistische Politik.

    Ungarn sei das einzige Land in Europa, das nur an sich selbst grenze: Ein «Bonmot» versucht das nationale Trauma zu überspielen, das für die meisten Ungarinnen und Ungarn mit dem Begriff «Trianon» bis heute verbunden ist.

    Nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, vom ungarischen Teil wurden zwei Drittel der Fläche den Nachbarn zugeschlagen. Im Lustschloss Trianon in Versailles zwangen die Siegermächte am 4. Juni 1920 den Gesandten aus Budapest dieses Friedensdiktat auf. Noch heute leben ausserhalb Ungarns, etwa in Rumänien, in Serbien, der Slowakei, der Ukraine mehrere Millionen ethnische Ungarn. In manchen Landesteilen sind sie sogar in der Mehrheit. Auch 100 Jahre nach «Trianon» ist die Wunde nicht verheilt. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban und seine Bewegung «Fidesz» bewirtschaften die historische «Schmach» sogar gezielt und nutzen die Erinnerung daran für ihre nationalistische Politik. Jedes Jahr fliessen mehrstellige Millionenbeträge zur Förderung der ungarischen Kultur über die Grenze. Orbans Regierung unterstützt Schulen, Sportvereine, «Fidesz»-Leute finanzieren in den Nachbarländern auch Medien, die Orbans Vorstellung von einem zusammenhängenden grossungarischen Kulturraum verbreiten. Das provoziert die Nachbarn, freut aber die allermeisten Ungarischsprachigen ausserhalb Ungarns. Und auch in Ungarn selbst vermag Orban aus der historischen Tragödie Kapital zu schlagen, die Losung «Nie wieder Trianon!» ist ein Leitmotiv im rechten Protest gegen «fremde Einflüsse», aus Brüssel zum Beispiel.

    «Trianon» - ein ungarisches Trauma. Die Sendung «International» begegnet ihm auf einem rumänischen Heldenfriedhof und in einer slowakischen Fussballakademie. Aber auch auf der Opernbühne und in Ungarns Schulstuben.

  • Der Mord an der Journalistin Daphne Caruana Galizia im Herbst 2017 und der Vorwurf verbrecherischer Machenschaften bis in höchste Regierungskreise warfen Schockwellen durch Malta. Was hat sich seither verändert im kleinsten EU-Land mit seiner schmalen Machtelite, wo jeder jeden kennt?

    Die Journalistin Daphne Caruana Galizia schrieb Enthüllungsberichte über Korruption und Geldwäsche. Im Oktober 2017 zerfetzte eine Bombe ihr Auto.
    Zwei Jahre später wurde der Geschäftsmann Yorgen Fenech verhaftet.
    Er soll den Mord an der Journalistin in Auftrag gegeben und über Konten in Panama jahrelang hohe Regierungsvertreter bestochen haben.
    Selbst der Premierminister trat zurück: Joseph Muscat, dessen Name verbunden ist mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Maltas.
    Geschäftsleute waren mit attraktiven Angeboten auf die Mittelmeerinsel gelockt worden, Malta entwickelte sich zur Drehscheibe für Finanzdienstleistungen und Onlinewetten.
    Das Geschäftsmodell hatte seine dunklen Seiten.
    In einem so kleinen Land könnten persönliche Beziehungen und Abhängigkeiten stärker sein als die Institutionen, warnt der neue Aussenminister Evarist Bartolo. Doch wenn Malta als Hochrisikoland wahrgenommen werde, verliere es an Attraktivität.
    Bartolo verspricht nun eine «steile Lernkurve».
    Auch in der maltesischen Gesellschaft lösen sich Zungen. Der Künstler Toni Attard glaubt eine kollektive Stimme zu hören, die sagt: «Es reicht!».
    Der Rücktritt der Regierung und das Entsetzen nach dem Mord wurden zur Zäsur für Malta, aber aus einem Staat der Freunde und Vettern einen Rechtstaat mit integren Akteuren zu machen, ist ein ungleich grösserer Kraftakt.
    Ist die maltesische Gesellschaft bereit dazu? Eindrücke aus der Hauptstadt Valletta, wo manche an Aufbruch glauben, viele andere skeptisch bleiben.

  • Zwei Wochen waren Schulmädchen ins Gefängnis gesperrt, weil sie das Foto des Präsidenten im Schulbuch angemalt haben sollen. Dem Repressionsapparat von Pierre Nkurunziza entgeht nichts – er setzt auf Einschüchterung und Gewalt. Der Besuch in Burundi zeigt, was er aus dem armen Land gemacht hat.

    Es galt als Erfolgsgeschichte, dass Burundi nach dem verheerenden Bürgerkrieg politische Stabilität erlangte. Doch Präsident Pierre Nkurunziza gab sich nicht mit zwei Amtszeiten zufrieden, er setzte 2015 eine dritte, verfassungswidrige durch und schlug die folgenden Proteste und Unruhen mit nackter Gewalt nieder. Über 1'000 Tote gab es, über 400'000 Menschen flohen über die Grenzen. Jene, die in Burundi blieben, wurden strengster Kontrollen unterzogen. Politische Oppositionelle verschwanden einfach so, kritische Medien wurden aus dem Land gewiesen. Die gefürchtete Imbonerakure-Miliz sorgt für einen Überwachungsstaat, der dem Land auch schon den Titel «DDR Afrikas» einbrachte.

    Den meisten Menschen fehlt ohnehin jegliche Perspektive: Burundi ist eines der ärmsten Länder der Welt. Jedes zweite Kind kann sich wegen chronischer Mangelernährung nicht richtig entwickeln. Die Herrschaft Nkurunzizas hat den Staat zusätzlich in eine Rezession gestürzt, internationale Gelder wurden gestrichen.

    Nun stehen am 20. Mai Wahlen an. Der aktuelle Präsident verzichtet auf eine weitere Amtszeit, doch ein Nachfolger aus der gleichen Machtelite steht schon bereit. «International» reist zu den Menschen in Burundi, besucht das Sportteam des fussballverrückten Herrschers, spricht mit verfolgten Kindern und der gefürchteten Imbonerakure-Miliz. Die Sendung zeigt auf, wo das Land steht nach 15 Jahren Regime von Pierre Nkurunziza.

  • Die Gefahr, dass eine Frau ermordet wird, ist in Argentinien mehr als doppelt so gross wie in der Schweiz. Täter ist zumeist der Partner oder der Ex. Aus Protest gehen Argentiniens Frauen regelmässig in Massen auf die Strasse. Aber die Zahl der Morde nimmt nicht ab, gerade jetzt nicht im Lockdown.

    «Ni una menos – nicht eine weniger», unter diesem Motto gehen seit ein paar Jahren die Frauen in Argentinien auf die Strasse und verlangen ein Ende der frauenfeindlichen Gewalt. An den Grossdemonstrationen in Buenos Aires nahmen immer wieder Hunderttausende teil.

    Besonders abscheuliche Morde haben die Öffentlichkeit wachgerüttelt – Frauen, die von ihrem Partner mit zahllosen Messerstichen getötet oder mit Alkohol übergossen und dann angezündet wurden. Noch immer gibt es Täter, die straffrei ausgehen, aber die Justiz ist aktiv geworden. Inzwischen wird der Femizid, der Frauenmord, immer öfter als verschärfender Tatbestand gewertet. Immer mehr Frauen wagen es, gegen ihre Peiniger Klage einzureichen.

    Auch wurden Kampagnen gegen das frauenverachtende Denken der Macho-Kultur gestartet. Frauenfeindliche Sprüche in Politik und Sport lösen inzwischen im Internet einen Shitstorm aus.

    Aber Argentinien steckt in einer Finanzkrise. Der Staat ist praktisch bankrott. Es fehlt an Geld, um genügend Plätze in Frauenhäusern zu schaffen und um die Pläne des neu gegründeten Frauenministeriums umzusetzen. Und jetzt kommt noch die Corona-Krise dazu. Frauen, die mit gefährlichen Partnern zuhause blieben müssen, sind erst recht bedroht und haben es noch schwerer, Hilfe zu finden.

  • In der Klimabewegung der USA sticht eine neue Gruppierung heraus - «Sunrise», lautstark, gut vernetzt, mit potenten Geldgebern und einem grossen Ziel: eine «grüne Revolution» durchbringen, ungeachtet aller Bremsmanöver von Trump. Nach der Corona-Krise soll der Kampf mit doppelter Kraft weitergehen.

    Mit spektakulären Protestaktionen haben die jugendlichen Aktivistinnen und Aktivisten von «Sunrise» zum Auftakt des Präsidentschaftswahlkampfs viel Lärm gemacht. In ihrem Visier ist weniger Präsident Donald Trump. Vom Amtsinhaber, der aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen ist, und seinem konservativen Lager, erhoffen sich die Aktivisten nichts. Umso mehr Druck machen sie auf Herausforderer Joe Biden. Dessen Demokratische Partei soll im Parlament einen «Green New Deal» durchbringen, mit dem die Klimapolitik der USA zu internationalen Standards zurückgebracht würde.

    In Trainingscamps wird unterdessen die klimabewegte Jugend auf eine neue Phase im Kampf gegen die Erderwärmung eingeschworen, bis hinab in die konservativen Südstaaten, wo die Kluft zwischen Klimarisiken und Klimabewusstsein besonders gross ist.
    Besuch im Camp von «Sunrise» in Tennessee. Und Schadensaufnahme im Garten der Familie Prager in Florida, wo der Rasen verdorrt, der Pfad einbricht, und das Wasser aus der Lagune bedrohlich nahe ans Bungalow rückt.

  • Seit 20 Jahren ist Wladimir Putin an der Macht. Eine ganze Generation ist unter ihm herangewachsen. Er war da, als sie im Kindergarten waren. Er war da, als sie zur Schule gingen, und jetzt herrscht er immer noch. Wie hat dieser Zustand Russlands Jugend geprägt? Was erwartet sie von der Zukunft?

    Putin hat Russland Stabilität gebracht und er hat das Land wieder zu einem mächtigen Akteur auf der internationalen Bühne gemacht. Dieses Bild wird von offizieller Seite propagiert. Viele jungen Leuten macht das aber wenig Eindruck.

    Es gibt zwar jene jungen Leute, die sich in Putins patriotischen Jugendorganisationen engagieren, den heldenhaften Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg feiern, inbrünstig die Nationalhymne singen, sich um Denkmäler und Veteranen kümmern. Dieses Engagement zahlt sich auch aus. Es verhilft den Jungen zu Karrierechancen und Putins Machtapparat zu Nachwuchskadern.

    Es gibt aber auch die Jungen, die Putin ablehnen, die sich nach Demokratie und freien Wahlen sehnen, die sich im Internet frei bewegen wollen und keine Angst haben vor Polizei und Geheimdienst. Letzten Sommer strömten viele von ihnen in Moskau auf die Strassen, bevor Putin die Proteste ersticken liess.

    Beide Gruppen aber, die jungen Anhänger und die jungen Gegner Putins, sind kleine Minderheiten. Die grosse Mehrheit der Generation, die unter Putin gross geworden ist, will von ihrem Präsidenten und von Politik nichts wissen. Die Welt dieser Jugend erschliesst der Besuch auf einem Konzert des Rappers Husky. Und die Soziologin Anna Sorokina erklärt, was sie mit ihren Studien über die Werte der Generation Putin herausgefunden hat.

  • Offiziell gibt es sie gar nicht, und doch hinterlassen die Söldner der obskuren russischen Militärorganisation «Wagner» zunehmend ihre Spuren.Welche Rolle spielen die irregulären Verbände in der Afrika-Strategie des Kremls?

    Die private Militärorganisation «Wagner» ist benannt nach einem ehemaligen Offizier der russischen Armee, der offenbar den deutschen Komponisten Richard Wagner verehrt. Die Spuren der Söldnertruppe führen von der Ostukraine über Syrien bis nach Afrika.

    Doch russische Journalisten, die in der Zentralafrikanischen Republik Genaueres wissen wollten, kamen ums Leben. Im Libyenkonflikt unterstützt Russland die Seite von General Haftar, aber Präsident Putin bestreitet, dass Russen, die in Libyen kämpfen, etwas mit dem russischen Staat zu tun hätten. Einfluss aufs Kriegsgeschehen nehmen sie gleichwohl, ganz im Sinne des Kremls.

    Das Handelsvolumen Russlands in Afrika beträgt erst einen Zehntel des chinesischen oder europäischen. Putin will das ändern: der russische Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent soll schnell grösser werden, wirtschaftlich und militärisch. Letzten Herbst an einem Gipfeltreffen in Sotchi versuchte Putin, Dutzende angereiste afrikanische Staats- und Regierungschefs von den Vorzügen einer intensiveren Zusammenarbeit mit Russland zu überzeugen. Russischen Firmen soll der Weg nach Afrika geebnet werden, es geht aber auch um militärische Ausbildungsprogramme, den Kampf gegen «Terrorismus» und «Extremismus».

  • Das heutige Irland ist weit entfernt von der Trostlosigkeit und der Enge des letzten Jahrhunderts. Innerhalb von einer Generation haben sich die Wirtschaft, die Bevölkerungsstruktur und das Selbstverständnis des Landes grundlegend verändert.

    Vor 35 Jahren war Irland ein rückständiges Land, im Bann der katholischen Kirche und argwöhnisch-empfindlich im Umgang mit der britischen Nachbarin. Diese Altlasten wurden seither abgetragen, die irische Bevölkerung hat sich radikal verändert: Ehemalige Auswanderer sind mit neuen Ideen heimgekehrt, Einwanderer aus Mitteleuropa haben Farbe in eine vormals sehr geschlossene Gesellschaft gebracht und ein regelrechtes Wirtschaftswunder ermöglicht. Auch dass sich mehr Frauen an der Arbeitswelt beteiligten, war ein wichtiger Faktor beim Aufschwung, dem Erfolg des «keltischen Tigers».
    Als Scharnier zwischen USA und EU hat sich die Insel neu erfunden.

    Eine Hommage von Martin Alioth an seine Wahlheimat – zum Abschluss seiner Korrespondentenzeit.

  • Vorgesetzte, die ihre Untergebenen herabwürdigen, beschimpfen und schikanieren: In vielen Unternehmen Japans war das bislang gang und gäbe. «Power Harassment» oder «Pawahara» nennt man in Japan dieses Verhalten. Doch nun beginnen sich immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dagegen zu wehren.

    Akiko Yoshida will nicht mehr schweigen. Kurz nachdem sie 2016 ihre Stelle bei einem Lebensversicherungsunternehmen angetreten hatte, begann ihr Chef, sie immer öfter anzuschreien und ihre Arbeit vor anderen Kollegen schlecht zu machen. Das Mobbing setzte ihr psychisch und physisch derart zu, dass sie krank wurde. Am Ende verlor sie ihre Stelle. Jetzt hat sie ihren Arbeitgeber verklagt und fordert ihre Wiedereinstellung.

    Akiko Yoshida ist kein Einzelfall. Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Japan wird bewusst, dass das Mobbing von oben, das sogenannte Power Harassment oder Pawahara, nicht rechtens ist.

    So erklärte in einer Umfrage des Arbeits- und Gesundheitsministeriums fast jeder dritte Beschäftigte, schon einmal von seinem Vorgesetzten gemobbt worden zu sein. Die Zahl der Anzeigen von Power Harassment bei der Arbeitsaufsicht hat sich innerhalb von sieben Jahren auf 83'000 verdoppelt. Immer mehr Japanerinnen und Japaner wollen es nicht mehr hinnehmen, von ihren Vorgesetzten herumkommandiert, beschimpft oder herabgewürdigt zu werden.